„Wir müssen für Ordnung sorgen”
Thomas Mrazek vom Bayerischen Journalisten-Verband beantwortet Fragen zu zukünftigen Entwicklungen des Internets, zum Berufsbild des Online-Journalisten und wie man im Internet Geld verdienen kann.
Was jetzt kommt ist das Web 3.0, das sogenannte semantische Web, das mehr Ordnung in das mitunter chaotische Internet bringen könnte. Wie das konkret aussehen wird, ist noch nicht klar. Zukünftig wird aber das Internet der Dreh- und Angelpunkt für alle Medien sein. Allerdings haben sich bislang viele Erwartungen an den Online-Journalismus noch nicht erfüllt. So fehlen mir mehr multimediale Angebote mit Bewegtbildern. Auch haben wir es noch nicht geschafft, den "Qualitätsjournalismus" glaubhaft im Internet zu vermitteln.
Ich untersuche gerade einige Mediendienste im Internet: Die sind alle sehr schnell und informativ, aber leider hat man die Parole "Schnelligkeit vor Genauigkeit" ausgegeben. Trotzdem gibt es noch Medienperlen, denen es gelingt, journalistische Qualität ins Internet zu transportieren, wie faz.net oder mit Abstrichen auch Spiegel Online.
Ich denke nicht, dass man die sogenannten Laien dafür verantwortlich machen kann. Was außerhalb der etablierten Medien an nutzergenerierten Inhalten erzeugt wird, darüber brauchen wir Journalisten nicht die Nase zu rümpfen.
PR-Agenturen, Industrie und Unternehmen, Wissenschaftsinstitutionen und Behörden: Alle spülen unheimlich viele Informationen in das Internet. Es ist unsere Aufgabe als Journalisten, für Ordnung und Mehrwert zu sorgen und den Nutzern zu zeigen: "Von uns bekommst du garantiert Material, das wir nach unseren journalistischen Qualitätskriterien ausgewählt haben, wir bieten dir Orientierung im Netz, die wirklich verlässlich ist."
Ich denke, dass Journalisten gerade heute die urjournalistischen Tugenden gut beherrschen müssen. Seriosität bei der Recherche, beim Schreiben und im Umgang mit dem Nutzer. Sie sollten die ganze technische Palette zwar kennen, müssen sie aber nicht perfekt beherrschen. Außerdem haben die Journalisten angesichts des Web 2.0 intensiveren Kontakt mit den Nutzern und müssen die Rolle eines Moderators lernen. Freilich sollen sie nicht der Großzensor sein, der alles löscht, was von draußen kommt und ihm nicht gefällt.
Die meisten Online-Angebote schreiben leider noch keine schwarzen Zahlen und leben zumeist von den Mutterhäusern, den Rundfunkhäusern, den Zeitungsverlagen und von deren Inhalten. Daher sind die Online-Redaktionen mit wenig Personal ausgestattet und können nur schwer ein eigenes Profil entwickeln.
Leider ist es in 90 Prozent der Redaktionen so, dass Onliner weniger bezahlt bekommen als in anderen Medien, teils sogar nur 30 bis 40 Prozent.
Es ist völlig legitim, dass Medienhäuser für ihre Leistung auch bezahlt werden wollen. Die überwiegenden Angebote werden aber wohl kostenlos bleiben, weil die meisten Paid-Content-Versuche bisher gescheitert sind. Mit einer Bezahlschranke büßt man Reichweite ein. Möglicherweise kann man aber mit für den Mobilfunk angepasstem Content zusätzlich Geld verdienen.
Zum Glück nicht. Aber AOL äußerte vor einigen Wochen die Absicht, verstärkt auf maschinengenerierte Inhalte zu setzen. Bei einem Portal, das nicht auf Qualitätsjournalismus setzt, fällt das vielleicht nicht so stark auf. Oder die Netzeitung, die ihren Betrieb eingestellt hat und nur noch als automatisiertes Nachrichtenportal weiterlaufen wird, um die Marke zu erhalten. Gewisse Dinge kann man allerdings mit Hilfe von Technik verbessern, wie zum Beispiel die Verschlagwortung.
Der Blogger Hardy Prothmann kann mit seinem lokalen Heddesheim Blog nach einem halben Jahr seinen Lebensunterhalt verdienen. Auch einige Fachblogs in Deutschland bringen Geld, etwa Peter Turi mit seinem turi2. Sonst funktionieren Blogs als Erwerbsquelle für Journalisten eher schlecht. Ich würde aber trotzdem jedem Journalisten raten, es mal auszuprobieren. Wenn der Blog eine Marke wird, ist das gut für die Reputation. Ich betreibe neben netzjournalist.twoday.net noch einen anderen Blog, onlinejournalismus.de, und wenn Sie nach meinem Namen googeln, kriegen Sie auch ein paar Tausend Treffer - das zeigt zumindest, dass ich präsent bin. Schönstes Beispiel ist Stefan Niggemeier, der mit Bildblog und seinem persönlichen Angebot eine eigene Marke geworden ist.
Interview: Peter Frankemölle
Thomas Mrazek arbeitet als freier Medienjournalist, Dozent und Berater in München. Der Kommunikationswissenschaftler ist redaktionell verantwortlich für das Portal Onlinejournalismus.de. Seit Anfang 2008 ist er Vorsitzender des Fachausschusses Online im DJV.
Thomas Mrazek
Foto: Th. Geiger