Online-Journalismus

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Rubrik Berufsbild

"Jeder Inhalt fließt und zirkuliert"

Christian Jakubetz ist Journalist, Dozent, Berater und Autor von "Crossmedia". Seine journalistischen Stationen führen von Tageszeitungen über das ZDF und N24 bis zu SevenOne Intermedia. Er ist Geschäftsführer von Imfeld-Media, einer Medienproduktionsfirma, und lebt in der Nähe von München. Jakubetz begründet, warum Online-Journalisten gar nicht anders können, als crossmedial orientiert zu arbeiten.

Was hat sich ein Online-Journalist unter „Crossmedia” vorzustellen?

Erst einmal nichts anderes als das Publizieren über verschiedene Plattformen hinweg. Im Gegensatz zum multimedialem Arbeiten geht es also nicht einfach darum, verschiedene Darstellungsformen wie beispielsweise Video oder Texte herzustellen. Stattdessen muss mindestens eine zweite Plattform mit im Spiel sein. Idealerweise sind die Inhalte dann auch noch miteinander verknüpft. Praktisches Beispiel: Ein Journalist schreibt einen Text für eine Zeitung und stellt ein passendes Video dazu online.

Inwiefern vervollständigt Crossmedia das Berufsbild des Online-Journalisten?

„Vervollständigen” ist vielleicht nicht ganz der passende Ausdruck. Es ist in Zukunft für die allermeisten Journalisten unerlässlich, auf mehreren Ebenen arbeiten und publizieren zu können. Das heißt nicht, dass man alles gleichermaßen perfekt beherrschen muss. Aber Grundlagenkenntnisse sollten schon da sein.

Wieso muss man heutzutage crossmedial orientiert arbeiten?

Weil es heute und morgen in erster Linie auf den Inhalt ankommen wird – und nicht auf die Plattform.

Welche zusätzlichen „Hard Skills” sollte der Online-Journalist neben den klassischen, journalistischen beherrschen?

Ein grundlegendes Verständnis für alles, was mit Internet-Technologien zusammenhängt, Basis-Kenntnisse in Video- und Audioproduktion.

Welche Werkzeuge braucht ein crossmedialer Journalist in der Praxis?

Die entsprechende Soft- und Hardware, zumindest auf Basis eines Consumer-Niveaus. Das heißt, einfache Audio- und Videoschnittsysteme, Camcorder, Aufnahmegerät, Smartphone.

Wie entscheidet der Online-Journalist, welche Information auf welchem Medium abgespielt wird?

Im Idealfall durch seine Kompetenz, die er sich in der Produktion solcher Medien erworben hat. Das soll heißen: Nur wer sich mit der Produktion von Videos zumindest beschäftigt hat, kann überhaupt eine Entscheidung darüber treffen, ob ein Video eine gute Form für einen bestimmten Inhalt ist. Eine Faustregel, eine ideale „Abspielkette”, gibt es leider nicht, die Entscheidungen werden von Fall zu Fall unterschiedlich ausfallen müssen.

Wie sollte ein Online-Journalist, der Content mehrmedial aufbereiten will, strategisch vorgehen, bevor er das Haus verlässt?

Schon in analogen Zeiten fand ich den Grundsatz „Planung ist alles” ziemlich gut – wenn nicht sogar entscheidend. Daran hat sich bis heute nichts geändert, nur dass bei den Planungen inzwischen ein paar Komponenten dazu kommen. Man muss sich also schon im Vorfeld Gedanken machen, ob beispielsweise ein Video sinnvoll ist, was man dazu an Equipment und möglicherweise auch an Drehgenehmigungen benötigt, ob sich der der Gesprächspartner für das Video überhaupt eignet etc. Wer sich einfach mal alles an Equipment unter den Arm klemmt und auf gut Glück losgeht, wird grandios und ganz sicher scheitern.

Welche urheberrechtlichen Kenntnisse benötigt man?

Ein ebenso wichtiges wie schwieriges Thema. Und eine Frage, die sich nicht mit wenigen Sätzen beantworten lässt. Grundsätzlich gilt vor allem bei audiovisuellen Produktionen: Niemand darf gegen seinen Willen irgendwo aufgenommen werden, weder in Bild noch in Ton. Ausnahmen sind lediglich Szenen im öffentlichen Raum. Aber Vorsicht, wenn man jemanden beispielsweise lange und anhaltend per Zoom gezielt beobachten würde, wäre das schon wieder ein Verstoß gegen das Persönlichkeitsrecht. Daneben darf natürlich kein Material Dritter ohne Genehmigung verwendet werden. Das ist vor allem wichtig, wenn man einen Beitrag mit Musik hinterlegen will. Da gibt es keinerlei Ausnahmen. Es sei denn, man verwendet GEMA-freie Musik, da muss man sich aber seiner Sache sicher sein.

Gibt es Beispiele aus der Praxis, die gelungene Crossmedialität beinhalten?

Mir persönlich gefallen die Ansätze von Freitag und der Zeit ziemlich gut. Sie haben gemeinsam, dass sie die Stärken des Mediums Papier ebenso konsequent nutzen wie die Stärken des Mediums Internet. Alles in allem sind das dann auch stimmige Gesamtprodukte. Es gibt aber immer noch einige Webseiten beispielsweise großer Tageszeitungen, wo ich dieses Gefühl des sofortigen Wiedererkennens der Marke nicht habe.

Welche Entwicklungen sind für die nächsten Jahre zu erwarten? Wie wird sich das crossmediale Feld erweitern?

Ebenso einfache wie leider auch komplizierte Antwort: Alles wird digital. Jeder Inhalt fließt und zirkuliert. Vielleicht ist „Crossmedia” dann auch gar nicht mehr der richtige Ausdruck, weil er implizieren würde, dass es noch Mediengrenzen gibt. Wenn jedoch alles gegoogelt, verlinkt, verschickt, interaktiviert und multipliziert werden kann, ist die Vorstellung von Grenzen zwischen einzelnen Medien vielleicht schon überkommen.

Interview: Lize Alpaslan

Christian Jakubetz

Christian Jakubetz