„Du sollst nicht täuschen“

Interview mit Prof. Dr. Christoph Neuberger

Prof. Christoph Neuberger (geb.1964 in Stuttgart) ist Medienwissenschaftler und lehrt seit 2002 an der Universität Münster am Institut für Kommunikationswissenschaften. Von 1985 bis 1990 studierte er Journalistik, Politikwissenschaft, Soziologie und Philosophie in Eichstätt und Tübingen. Seit 1990 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter und Assistent am Diplomstudiengang Journalistik der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. 2001 Habilitation zum Thema „Journalismus im Internet“. 2003 bis 2006 Mitglied der Nominierungskommission der Jury des Grimme Award; journalistische Tätigkeit für Presse, Rundfunk und Internet.

Seit ungefähr zehn Jahren beobachten Sie die Entwicklung der Online–Medien in Deutschland. Was hat Sie am meisten überrascht?

Am meisten überrascht mich, wie schnell wir uns an zunächst Überraschendes gewöhnen, das heißt: wie schnell ein neues Medium zur Normalität wird. Wir haben das Internet in den Alltag integriert. Es ist kein Fremdkörper, keine exotische, erst recht nicht separate Cyberwelt mehr. Das Internet ist selbstverständlich in viele Handlungsabläufe der „Realwelt“ eingebunden. Es bedarf mittlerweile schon einer besonderen Anstrengung, um sich zu vergegenwärtigen, wie wir im Prä–Internet–Zeitalter gelebt haben.

Gibt es bei Tageszeitungen einen Qualitätsunterschied zwischen Print und Online–Versionen?

Bisher sind Zeitungsauftritte im Internet eher langweilig, sie werden dem Medium kaum gerecht. Ein Beispiel dafür, wie halbherzig die Zeitungen bisher agiert haben, ist das mit hohen Erwartungen eingeführte „E–Paper“: Die Printzeitung auf dem Bildschirm war eine Sackgasse. Sie verschenkt die Stärken des Papiers und lässt die Stärken des Internets ungenutzt. Im Moment gibt es eine Aufbruchsstimmung, das „Web 2.0“ hat Anstöße gegeben. Die Verlage haben durch die Krise gelernt, dass sie das Internet ernst nehmen müssen. Bei den Anzeigen dürften ihnen allerdings die Felle bereits davon geschwommen sein.

Beeinflussen die Erwartungen der User die Qualität der journalistischen Beiträge?

Ja, kein anderes Medium bietet so viel Transparenz über das Verhalten und das Urteil der Nutzer, kein anderes Medium erlaubt es den Anbietern, so flexibel auf Nutzererwartungen einzugehen. Allerdings: Nutzer liefern den Redaktionen keine fertigen „Baupläne“, sondern nur Anregungen, die professionell interpretiert und umgesetzt werden müssen. Im Neuigkeitengeschäft geben die Erfahrungen des Vortags außerdem nur begrenzt Hinweise für Entscheidungen in der Gegenwart.

Man spricht von der „Googleisierung im Journalismus“. Was meint man damit?

Die These stammt von Jochen Wegner, Chefredakteur von „Focus Online“. Sie besagt, dass Suchmaschinen ein wichtiges Rechercheinstrument geworden sind. Wegner sieht die Gefahr, dass besser geeignete Zugangswege zu Quellen nicht mehr beschritten werden, weil das „Googeln“ so bequem ist und schnell geht. Wir haben die Leiter der Nachrichtenredaktionen von Presse und Rundfunk befragt. Das Ergebnis: Kaum noch jemand greift zum Telefonbuch oder zu anderen gedruckten Verzeichnissen mit Kontaktdaten. Weniger oft werden auch Kollegen aus anderen Redaktionen und Experten bei der Quellensuche um Rat gebeten. Fast alle Redaktionsleiter sagten uns aber, dass sich die Qualität der journalistischen Recherche durch Suchmaschinen verbessert hat. Das Internet erschließt den Zugang zu vielen Quellen, etwa im Ausland, die bisher nicht bekannt oder nur unter großen Mühen erreichbar waren.

Wie bewerten Sie die Blogs im Kontext journalistischer Tätigkeit?

Einige Redaktionen nutzen Weblogs bereits für die Recherche. Blogs sind auch ein Resonanzraum, in dem sich das Publikum zu Wort meldet. Und so genannte „Watchblogs“ sind kritische Medienbegleiter. Sollten Journalisten selbst bloggen? Mit Weblogs können sich Journalisten gegenüber ihrem Publikum öffnen. Nicht unterschätzen darf man allerdings den „clash of media cultures“: Seriöser, um Objektivität bemühter, eher belehrender Journalismus und das subjektive, spontane, robuste, vielstimmige Bloggen passen oft nicht recht zusammen. Bloggende Journalisten müssen den richtigen Ton treffen, müssen Dauerpräsenz zeigen und machen sich angreifbar. Weblogs als interaktive Form werden nicht das journalistische „Werk“, also durchkomponierte Einzelstücke verdrängen, sondern sie ergänzen. Hier findet die Diskussion der veröffentlichten Beiträge statt, darf ein Blick hinter die Kulissen der Redaktion geworfen werden.

Werden durch den User–generated Content im Internet Lücken der öffentlichen Kommunikation geschlossen?

Dass jeder publizieren kann, ist zunächst ein großer Gewinn. Dass aber die Beteiligungschancen tatsächlich wachsen, jeder mehr Einfluss auf politische Prozesse nehmen kann und die Rationalität öffentlicher Diskurse steigt, wage ich zu bezweifeln. Dies wird jedenfalls nicht spontan gelingen. Es wird weiterhin Mediatoren geben müssen, die den Ablauf öffentlicher Kommunikation beeinflussen. Das werden jedoch nicht mehr die „Gatekeeper“ der alten Medien sein, die autoritär darüber wachen, was publiziert wird und was nicht. Dafür ist das Internet zu durchlässig. Mediatoren werden immer mehr als Moderatoren benötigt.

Sind Internetnutzer fähig zu unterscheiden, was Nachricht und was Werbung ist?

Sie lernen es und fordern die Trennung auch im Internet ein. Die Trennungsnorm besagt: Du sollst nicht täuschen. Es ist eine Mär, dass im Internet alte Regeln des Zusammenlebens außer Kraft gesetzt werden. Nur die Formen der Vermischung von Werbung und redaktionellem Teil sind im Internet vielfältiger, raffinierter und oft nicht auf Anhieb durchschaubar. Aber die Nutzer lernen - unterstützt von kritischen Internetbeobachtern, die über diese Praktiken aufklären. Darüber hinaus haben viele Anbieter aus Imagegründen selbst das Interesse, die Trennung zu regeln. So haben sich die Suchmaschinen auf einen Kodex mit entsprechenden Bestimmungen geeinigt. Und auch in der Blogosphäre wird die Frage intensiv diskutiert.

Gibt es einen staatlichen Regulierungsbedarf fürs Internet?

In einigen Bereichen sind spezielle Vorschriften notwendig, um im Internet sicherzustellen, was auch außerhalb des Internets gilt. Ich denke etwa an Betrug und Kinderpornografie. Es müssen also auch hier Grenzen „nach unten“, Mindeststandards definiert werden. Etwas anderes ist die Frage, ob - wie im Rundfunk - Potenziale des Mediums nicht ausgeschöpft werden, wenn nicht öffentliche Anbieter die Lücken schließen. Konkret: Soll öffentlich–rechtlichen Rundfunkanbietern mehr im Internet erlaubt werden, als ihnen bisher gestattet ist? Bislang dürfen sie nur ihr TV– oder Radioprogramm begleiten. Ich sehe durchaus Ansatzpunkte. Die gleichen Schwächen wie im werbefinanzierten Free–TV sehen wir auch im Free–Internet. Zeitungen, Zeitschriften und Privatrundfunk haben - von den wenigen, uns allen bekannten Ausnahmen abgesehen - das Internet brach liegen lassen, zumindest als journalistisches Medium. An dieser Stelle muss man kontrafaktisch argumentieren. Ist die Vermutung berechtigt, dass es gemeinwohlorientierten, gebührenfinanzierten Anbietern gelingt, ungenutzte Potenziale zu erschließen? Spielraum sehe ich zum Beispiel noch bei der Interaktivität: Wie könnte eine intelligente Übertragung des Formats „Talkshow“ ins Internet aussehen?

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