Interview mit Claudia Frickel
Claudia Frickel, geb. 1972, arbeitet als freie Journalistin für verschiedene Medien in München. Sie hat Medienwissenschaften, Neuere Deutsche Literatur, Psychologie und Anglistik an der Universität Marburg studiert. Gleichzeitig ist sie auch Dozentin an der Journalistenakademie in München.
Claudia, Du bist als freie Journalistin für beide Medien, Print und Internet, tätig. Wo fühlst Du Dich heimischer?
Ich fühle mich bei allen gleichermaßen heimisch. Mehr Spaß macht mir aber das Internet, weil es sicherlich das spannendste und vielfältigste Medium ist. Es gibt zum Beispiel viele Möglichkeiten, multimediale Inhalte einzubinden, zum Beispiel Videos oder Audiofiles.
Ist die Video– und Audiobearbeitung nicht ein großer Arbeitsaufwand für die Journalisten?
Nein, gar nicht. Als Redakteur hat man zum Beispiel mit der Videobearbeitung wenig zu tun, dafür gibt es eigene Videoredakteure. Auch die Nachrichtenagenturen liefern mittlerweile Clips an, zum Beispiel Reuters.
Wie sieht Dein Alltag in einer Online–Redaktion aus?
Wenn ich gegen 9 Uhr in die Redaktion komme, durchforste ich als erstes den Nachrichtenticker. Das ist ein Tool, in dem die Texte aller Nachrichtenagenturen einlaufen. Ich schaue, ob über Nacht etwas wichtiges passiert ist und stelle es dann eventuell auf die Seite. Während des Tages recherchiere ich Geschichten oder ich bearbeite Texte der Agenturen und von freien Autoren, und stelle dies dann online.
Wie kommst Du als Frau mit der Vielzahl der zu beherrschenden online–journalistischen Tätigkeitsfelder zurecht oder ist das Männersache?
Das ist auf keinen Fall Männersache. Einen Computer zu bedienen ist nicht wirklich schwierig, wenn man weiß, wo der Einschaltknopf ist und was im Browser das rote Kreuzchen oben rechts in der Ecke bedeutet. Auch die Bildbearbeitung sollte einen nicht völlig aus der Fassung bringen. Redaktionssysteme sind aber meist nicht viel komplizierter als viele Office–Programme.
Wie überprüfst Du die Glaubwürdigkeit von Internet–Quellen?
Das kommt auf die Quelle an. Wenn ich mich auf Blogs berufe, überprüfe ich schon, ob die Fakten stimmen. Diese Kontrolle ist sehr wichtig.
Was passiert außerhalb von Blogs? Bleibst Du bei den ersten drei Einträgen von Google hängen?
Nein, gründliche Recherche ist wichtig. Ich surfe viel durch das Netz und schaue zum Beispiel auf amerikanische Nachrichtenseiten, oder rufe für weiterführende Informationen Experten an. Es ist auch möglich, sich schnell bei Wikipedia zu informieren - allerdings nicht ohne gerade dann die Fakten noch mal zu überprüfen.
Wie unterscheiden sich die Texte der Online–Version einer Tageszeitung von jenen der Printversion?
Print–Texte werden selten eins zu eins für das Internet übernommen. Vorher wird er für die speziellen Anforderungen des Mediums bearbeitet - zum Beispiel bekommt er einen Teaser und muss möglicherweise anders gegliedert werden, weil längere Texte am Bildschirm schlecht zu lesen sind.
Müssen Print–Redakteure auch das Onlineangebot ihrer Zeitung betreuen?
Das kommt bisher eher selten vor, meistens sind die Redaktionen getrennt - auch, weil der Arbeitsablauf sehr unterschiedlich ist. es gibt aber einen Trend in diese Richtung. Viele Verlage richten so genannte Newsrooms ein, die alles aus einer Hand betreuen.
Wer entscheidet in der Online–Redaktion einer Tageszeitung über die Auswahl der Themen und Artikel für die Online–Ausgabe?
Im Zweifelsfall der Chefredakteur. Im Alltag treffen die Themenauswahl meist der Ressortleiter und die Redakteure. Mit der Zeit entwickelt man ein Gespür für gute Themen.
Unterscheidet sich die Themenauswahl bei Print– und Online–Medien?
Ja, meistens. Der Unterschied liegt unter anderem darin begründet, dass Internet–Medien tagesaktueller sein müssen und darum auch viel mehr Themen aufgreifen können. Manchmal haben Online– und Printmedien auch eine andere Ressortaufteilung.
Arbeiten in einer Online–Redaktion Mitarbeiter, die vorher bei der Print–Ausgabe gearbeitet haben?
Das kann schon vorkommen, aber meistens sind die Online–Redakteure auch schon vorher bei Internet–Medien gewesen. Meist haben sie einfach ein Faible für dieses Medium.
Werden in Online–Redaktionen tatsächlich neue Arbeitsplätze geschaffen, oder handelt es sich nur um interne Umbesetzungen?
Mit dem Web–2.0–Boom sind tatsächlich viele neue Stellen geschaffen worden. Ende der 90er Jahre, zu Zeiten des ersten Internet–Booms, war das auch schon so. Viele Zeitungen oder Fernsehsender haben damals zum ersten Mal eine Online–Ausgabe ihres jeweiligen Mediums geschaffen. Als sie gemerkt haben, dass sie damit doch nicht so viel Geld verdienen konnten, sind die Redaktionen oft wieder zusammengestrichen worden. Der heutige Boom ist auch mit der Verbesserung der Technik, das heißt schnelleren Übertragungsraten, zu erklären. Erst jetzt macht zum Beispiel die Einbindung von Videos Sinn.
Wie ist es mit der Vorbildung und journalistischer Erfahrung der Online–Journalisten?
Viele haben eine klassische Ausbildung– zum Beispiel von der Journalistenakademie – oder kommen zum Beispiel von Printmedien, Tageszeitungen etc. Es gibt aber auch Leute, die ein Praktikum absolviert haben und dann übernommen worden sind. Das wird aber seltener, weil es auch Journalisten nicht mehr leicht haben, einen Stelle zu finden.
Können sich die technischen Anforderungen des Online–Journalismus nachteilig auf die journalistische Qualität auswirken?
Nein, das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Videos zum Beispiel sind eine gute Ergänzung zu Texten, sie sollen sie ja nicht ersetzen.
Wie liegt der Altersdurchschnitt in einer Online–Redaktion im Vergleich zu Print?
Ich dachte früher immer, dass dort eher jüngere Leute arbeiten, aber das stimmt nicht unbedingt. Allerdings habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele ältere Tageszeitung–Redakteure immer noch Vorbehalte gegenüber Internetmedien haben und denken, diese seien weniger seriös.
Sterben gedruckte Zeitungen irgendwann aus?
Das glaube ich nicht. Es macht einfach einen Unterschied, ob man ein Magazin oder eine Tageszeitung in der Hand hält oder auf einen Bildschirm schaut. Trotzdem haben Online–Medien einen entscheidenden Vorteil gegenüber den anderen Medien: Man kann mehr Information schneller verpacken. Und eine Tageszeitung hat nicht die Möglichkeit, eine Bildergalerie zu erstellen oder ein Video zu zeigen. Sie müssen demnach zwangsläufig hinterherhinken. Das wird sich noch stärker verändern, wenn Internet und Fernsehen weiter zusammenwachsen.
Was nutzt Du im Alltag mehr - Online– oder Printmedien?
Ich informiere mich meist im Internet, auch weil ich fast immer online bin und schnell auf Informationen zugreifen will. Trotzdem will ich auf Wochen– und Monatsmagazine nicht verzichten, weil Themen dort ganz anders aufbereitet werden können. Von der Tageszeitung bin allerdings in den letzten Jahren abgekommen. Das liegt zum einen am Internet, zum anderen aber auch daran, dass ich aus dem Nachrichtenticker in die meisten Informationen, die am nächsten Tag in der Tageszeitung stehen, schon kenne.
Es heißt, dass Print–Medien tiefer gehen und Online–Medien unterhaltender sind. Wie beeinflusst das Dein Leseverhalten bei beiden Medien?
Bei Online–Medien lese ich gezielter und manchmal auch oberflächlicher, weil ich mich schnell informieren möchte - und auch, weil das Lesen auf dem Bildschirm weniger Spaß macht. Auch das Internet kann in die Tiefe gehen und das tut es auch. Eines der Vorurteile gegen das Medium ist die angebliche Beliebigkeit. Viele denken, was in der Zeitung steht, ist wahr, und was im Internet steht, stimmt nicht. Das ist natürlich Quatsch.
Schreibst Du Blogs?
Ich habe zwar einen Blog, aber weder die Zeit noch die Muße, regelmäßig zu schreiben. Und das macht die Idee eines Blogs ja erst wirklich spannend.
Ich bin die gütige Journalisten–Fee. Du hast geduldig auf alle Fragen geantwortet und hast deshalb einen Wunsch frei, der aber aus dem Bereich des Journalismus kommen muss: Was wäre Dein innigster Wunsch in diesem Beruf?
Ich würde gerne weiter als freie Journalistin arbeiten, weil ich so die Möglichkeit habe, ganz unterschiedlich zu arbeiten: für Online– und Printmedien zu schreiben und natürlich an der Akademie zu unterrichten. Das klappt auch bisher prima - ich hoffe einfach, dass es so bleibt.
Du möchtest weiter ein unabhängiger Freigeist bleiben?
Genau – und irgendwann vielleicht einmal was ganz anderes machen.
Was denn?
Schafe züchten in Schottland.
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