„So, jetzt wird's mal ein bisschen subjektiv“

Interview mit Thomas Mrazek

Thomas Mrazek arbeitet als freier Journalist, Berater und Dozent in München. Er leitet die Redaktion von onlinejournalismus.de, mit der er 2003 den Grimme Online Award in der Kategorie Medienjournalismus gewann. Mrazek betreibt das Weblog Netzjournalist.

Das Time Magazine hat zur „Person of the year“ alle Internet–User ausgezeichnet. 2006 sei das Jahr gewesen, in dem die User dank neuer Formate wie Social Software die Kontrolle über das Internet gewonnen hätten. Möchten Sie sich dieser Wahl anschließen?

Durchaus. Es ist beachtlich, wie selbstbewusst die Nutzer in die Medien gegangen sind. Diese Wahl ist nicht ohne.

Betreibt das Publikum ein kompetentes Gatekeeping?

Zum Tragen kommt die so genannte Weisheit der Massen, die ihre Auswahl nach Geschmacksrichtungen trifft. Letztendlich war es immer so, dass der Geschmack des Publikums den Ausschlag gab. Ich sehe das nicht als etwas Negatives an.

Wie können Journalisten in Zeiten des Web 2.0 agieren?

Man weiß gar nicht, wo man bei diesem Web 2.0 überhaupt ansetzten soll. Es gibt zu viele Angebote, die meistens auch noch kostenfrei sind. Wo bleiben da wir Journalisten? Bleiben wir mit unserem Content, mit unseren produzierten Inhalten nicht auf der Strecke? Wir müssen Präsenz zeigen und den User durch diese Informationsflut navigieren.

Was macht erfolgreiche Blogs aus?

Erfolgreiche Blogs sind nicht unbedingt diejenigen, die die meisten Besucher haben. Blogs sind erfolgreich, wenn ein schöner Dialog entsteht, wenn gute Kommentare zustande kommen, wenn neue Themen gefunden werden und wenn Agenda–Setting betrieben wird. Auf den ersten Blick bemerkt man diese Charakteristika an den Besucherzahlen, an der Häufigkeit der Aktualisierung und an der Interaktion, die mit den Lesern zustande kommt.

Wie könnte ein typischer Dialog zwischen Journalist und Blogger aussehen?

Ich sehe keine große Konkurrenz zwischen Journalisten und Bloggern, obwohl es immer wieder Stimmen gibt, die dieses Konkurrenzverhältnis ins Spiel bringen. Es wird den Bloggern unterstellt, sie wollten den Journalismus übernehmen. Das ist Blödsinn. Vor allem von uns Journalisten muss ein bisschen mehr Offenheit und Kenntnis kommen, denn wir können viel von Bloggern lernen: der spielerische Stil, die Verlinkungen. Das verstehe ich unter Dialog.

Ist es den Journalisten überhaupt gelungen, sich in der so genannten Blogosphäre zu etablieren?

Die Journalisten, die sich in der Blogosphäre etabliert haben, sind eher die Ausnahme. Dazu gehört zum Beispiel der Handelsblatt–Blogger Thomas Knüwer. Er betreibt einen der wenigen funktionierenden Redaktionsblogs.

Warum?

Vor allem, weil Thomas Knüwer ein hervorragender Journalist ist, der den Schalter auch mal umdrehen und sagen kann: „So, jetzt wird's mal ein bisschen subjektiv.“ Durch die freche Art, die seinen Blog kennzeichnet, gelingt es ihm ein großes Publikum zu interessieren und so eine Diskussion in Gang zu bringen. Das könnte er im Handelsblatt nicht tun.

Beeinflussen medienkritische Blogs den Journalismus?

Sie sprechen die so genannten Watchblogs an. Sie beeinflussen den Journalismus mit kleinen Nadelstichen, die aber sehr weh tun können. Es ist für den Journalisten durchaus nützlich, ein bisschen aufpassen zu müssen: „Mensch, da könnte mich doch einer erwischen, wie ich aus der Wikipedia etwas herausklaube, ohne den Quellenverweis anzubringen.“ Der Presserat kann diese Art Kontrolle gar nicht ausüben.

Wie könnte Web 3.0 aussehen?

Web 3.0 verspricht uns eine große Aufklärung. In den ganzen Wust soll Ordnung hereingebracht werden. Na dann, viel Glück!

Sind Sie ein glücklicher Blogger?

Was ist Glück? Wenn Sie so fragen, würde ich mich als einen unglücklichen Blogger bezeichnen, weil ich mich mit dem Bloggen sehr schwer tue. Mir fällt das Umschalten auf das Subjektive gar nicht so leicht. Ich denke immer: „Wer schaut da jetzt auf meinen Blog drauf?“. Es könnten Auftraggeber sein. So gut Geschichten wie Don Alphonso erzählen kann ich schon mal nicht, will ich auch gar nicht. Was mir aber viel mehr Glück bringt, ist diejenigen Blogs zu lesen, die mir Spaß machen und die ich ständig lese. Unter dem Strich kann ich mich doch als glücklichen Blogger bezeichnen.

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