Perspektivwechsel

»Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen«

Kameramann Klaus Peter Weber über Regeln einer erfolgreichen Zusammenarbeit im TV-Alltag

Herr Weber, Sie sind seit fast 40 Jahren als Kameramann im Fernsehbereich tätig. Was ist das Geheimnis einer optimalen Zusammenarbeit zwischen Kameramann und Fernseh-Journalist?
Ein Fernseh-Journalist muss die Fachausdrücke der Bildsprache beherrschen. Nur so kann er Einzelheiten wie Bildinhalte, die Gestaltung und die Dramaturgie mit seinem Kameramann diskutieren. Möchte er einen speziellen Look kreieren oder herrschen außergewöhnliche Lichtverhältnisse, sollte er seine Ideen frühzeitig mit ihm besprechen. Möglicherweise sind für den Dreh spezielle Optiken und Filter oder Zusatzlicht nötig.

Es kommt also auf eine gute Kommunikation im Team an?
Richtig. Ein guter Fernseh-Journalist ist immer offen für die Vorschläge oder Einwände seines Kameramanns. Im Zweifelsfall kann er ja mehrere Varianten drehen. Erweist sich ein Vorschlag als gut, kann er das Lob ruhig an den Kameramann weitergeben. Andererseits muss der Fernseh-Journalist aber auch eingreifen können, wenn er glaubt, dass seitens der Kamera Fehler gemacht werden. Das erfordert fachliche Kompetenz und Autorität.

Das klingt doch sehr danach, als müssten Sie als Kameramann meist weisungsgebunden arbeiten. Wo bleibt da die Kreativität?
Natürlich liegt die Verantwortung in der Hand des Journalisten und folglich ist der Kameramann weisungsgebunden. Dies verhindert aber keinesfalls Kreativität. Wenn es Zeit und Ausrüstung erlauben, dann sollte er deshalb auch Verständnis für den Kameramann zeigen, der in gewissen Grenzen seine Kreativität einbringen möchte. Er möchte ästhetisch gestalten. Und inhaltliche Aussagen auch bildhaft unterstreichen. Wird bei der Produktion beispielsweise auch ausreichend Zeit für die Lichtgestaltung eingeplant, beeinflusst das das Ergebnis immer positiv.

Was sind die Folgen einer misslungenen Zusammenarbeit?
Die Probleme tauchen dann meist erst im Schnitt auf. Sowohl inhaltlich als auch formal. Es fehlt an aussagekräftigem Bildmaterial oder das Bildmaterial verfehlt die thematischen Anforderungen. Die Bildaussage und der Inhalt des Beitrags passen dann nicht zusammen. Und das fällt auch dem Zuschauer auf.

Bekommt man eine derartige Situation dann noch in den Griff?
Meist lässt sich da wenig machen. War der Ablauf eines Drehs nicht gut durchdacht, fehlt die fotografische Kontinuität in den Bildern – zum Beispiel wenn sich wandelnde Lichtverhältnisse im Zeitplan nicht berücksichtigt wurden. Der Beitrag sieht dann zusammengeflickt aus. Oder noch schlimmer: dringend benötigte Bildaussagen wurden gar nicht abgedreht. Das kann dazu führen, dass der gewünschte inhaltliche Bogen nicht mehr gespannt werden kann.

Wann ist denn dann ein Fernseh-Journalist in Ihren Augen kompetent?
Das ganze Team muss spüren, dass der Fernseh-Journalist gut vorbereitet und in sein Thema eingearbeitet ist. Strukturiertes Arbeiten ist ein unbedingtes Muss. Wenn er sich morgens ins Auto setzt und dann erst anfängt, zu telefonieren und zu recherchieren, wird das jedem im Team auffallen. Damit hinterlässt er sofort einen schlechten Eindruck und er büßt seine Autorität ein.

Wie äußert sich denn eine strukturierte Arbeitsweise ganz praktisch?
Als Teamleiter sollte er einen handschriftlichen oder besser noch ausgedruckten Tagesablauf vorbereitet haben. Wenn er sein Team rechtzeitig über das Thema und seine Ideen für die Umsetzung informiert, kommt das sehr professionell an. Auf diese Weise „nimmt er sein Team mit“. Es ist motiviert und bringt sogar eigene Ideen ins Projekt ein.

Vorbereitung ist also das A und O?
Genau. Es wird auch sehr positiv wahrgenommen, wenn er während des Drehs ein Skript führt. Mit Timecodes und Stichworten zur jeweiligen Einstellung. Das freut nicht zuletzt den Cutter und spart Zeit im Schnitt.

Sie sprachen von persönlichen Defiziten. Wie sollte denn die Persönlichkeit des Fernseh-Journalisten beschaffen sein?
Es ist ein ausreichend hohes Maß an sozialer Kompetenz und Teamfähigkeit gefragt. Das fängt bereits mit einer freundlichen Begrüßung und Vorstellung an, wenn man sich trifft. Einfach ins Auto einzusteigen und zu sagen „Fahrt erst mal los, ich sag’ euch dann später, was wir machen…“ ist kein gelungener Start. Das Team möchte ernst genommen werden, will auf Augenhöhe mit dem Journalisten arbeiten. Dazu gehört es auch, dass man die Namen der Teammitglieder kennt und sie somit persönlich ansprechen kann.

Das klingt nach Selbstverständlichkeiten…
…aber hier werden oft Fehler gemacht. Das trübt die Stimmung im Team. Wenn dann noch Inkompetenz und schlechte Organisation hinzukommen, kann das zur inneren Kündigung bei den Teammitgliedern führen. Sie erledigen nur noch die absolut notwendigen Pflichten. Auch der Ton und das Benehmen gegenüber Gästen am Dreh ist entscheidend. Überheblichkeiten und Wichtigtuerei sind am Set fehl am Platz.

Fällt der gute Ton vielleicht manchmal einfach dem Zeitdruck zu Opfer?
Die Zeit ist immer knapp. Das ist keine Entschuldigung. Und die Teams sind es ja gewohnt unter diesem Zeitdruck zu arbeiten. Außerdem muss der Fernseh-Journalist die Arbeitszeitregelungen von fest angestellten Teammitgliedern im Kopf behalten und darf sich nicht rücksichtslos darüber hinwegsetzen. Diesen Spagat muss er hinbekommen. Dann ist sein Team auch gerne mal bereit, eine halbe Stunde dran zu hängen, wenn es sein muss.

Was möchten Sie als erfahrener Kameramann einem angehenden Fernseh-Journalisten mit auf den Weg geben?
Er soll sich ruhig als Anfänger zu erkennen geben. Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Wenn die Mitarbeiter der Disposition wissen, dass er noch unerfahren ist, können sie darauf eingehen und das Team entsprechend zusammenstellen. Ein erfahrener Kameramann kann ihn dann beim Dreh unterstützen.

Herr Weber, vielen Dank für das Interview.