Erklärfilm, Rausschmeißer und andere Kurzformen

(Gregor Alexander Heussen)

Im Lehrbuch beschreibt Gregor Alexander Heussen diese Darstellungsformen. Ergänzend bringt der Autor in »Online plus« Beispiele dafür. Wegen seiner Terminologie empfiehlt es sich, vorher ebenfalls in »Online plus« seinen Beitrag »Dramaturgische Hilfen für Aufbau und Gestaltung« zu lesen.

Ein Erklärfilm hat eine Zeitachse, weil er Grundsätzliches enthält, nur dann, wenn man das Abstrakte an einem »Fall« klarmacht und wenn die Zeit für dieses Grundsätzliche eine Rolle spielt. Einen Ort benötigt der Erklärfilm auch dann nicht, denn Grundsätzliches spielt sich immer an allen Orten ab. Wenn man z.B. das Zusammenspiel von Institutionen erklären möchte, ist der Ort, an dem sie sich befinden, unerheblich.

Der Erklärfilm hat, wie andere Filme auch, einen Erzählsatz, allerdings ist die Hauptfigur normalerweise der Zuschauer, der das Problem hat, etwas nicht verstanden zu haben, und der sich im Laufe des Films so verändert, dass er jetzt verstanden hat. Mehr zu den hier verwendeten Begriffen im Beitrag »Dramaturgische Hilfen für Aufbau und Gestaltung«.
Der Rote Faden beim Erklärfilm ist meist abstrakt, oft einfach eine logische Ableitung. Darin unterscheidet sich der Erklärfilm nicht vom Aufsatz. Er läuft logisch oft deduktiv: z.B. von der Grundlage zum Detail, von der Voraussetzung zur Folgerung. Ein Erklärfilm kann auch den Ablauf eines Falles darstellen, aber dann muss man sich schon bei der Planung entscheiden, ob es nicht klüger ist, den Fall in einer Reportage zu behandeln und einen Erklärfilm anzufügen oder vor die Reportage zu setzen.
Die Textperson ist am günstigsten eine Art Lehrer oder Analyst.
Das Ergebnis für die Zuschauer ist eine Einsicht in Zusammenhänge, ob man sie nun mag oder nicht, ein Verstehen, worin die Basis augenblicklicher politischer, wirtschaftlicher oder kultureller Entscheidungen besteht.

Beispiel für einen Erklärfilm.
Zur Neuordnung der Kfz-Steuer könnte der Erzählsatz lauten: Ich erzähle Dir heute die Geschichte von Dir, dem Autofahrer, der das Problem hat, zu begreifen, wie sich genau die Steuer ändert und der daraufhin sein Verhalten ändert.
Der Rote Faden könnte sein: Schlendern durch mehrere Autohäuser und Gebrauchtwagenmärkte der Stadt. Die Textperson könnte sprechen wie eine innere Stimme, die zurät oder abrät.

Der Anspielfilm hat auch einen Erzählsatz; dem fehlt aber die Veränderung, das Ende ist offen. Hauptfigur kann eine Person (Fall) sein, oder etwas Abstraktes.
Der Rote Faden kann beim Anspielfilm (je nach Thema) ein rein zeitlicher Ablauf sein oder ein Weg durch Lebensräume. Meist aber wird ein zusätzlicher Roter Faden den Anspielfilm spannender machen. Die formalen Roten Fäden (Zeitablauf oder realer Weg) sind oft zu schwach.
Die Textperson ist beim Anspielfilm meist eine Art Anwalt, entweder Rechtsanwalt oder Staatsanwalt, eben entsprechend dem Thema. Die Textperson kann auch provozierend spöttisch sein; dann allerdings riskiert man die Ablehnung durch die Diskutierenden. Anspielfilme sind Gratwanderungen. Das Ergebnis für die Zuschauer: Ihr Interesse für die folgende Diskussion ist geweckt, die Spannung ist gestiegen, jetzt muss es weitergehen, die Diskussion muss Antworten und Schlüsse bringen.

Beispiel für einen Anspielfilm. Zum Thema Rentenversicherung könnte der Erzählsatz sein:
Ich erzähle Dir heute die Geschichte von einem Parlament, das vor der Herausforderung steht, den Rentnern Sicherheit zu garantieren, und dieser Herausforderung nicht genügt, also darin stecken bleibt.
Oder:
Ich erzähle Dir heute die Geschichte von dem Autowerker-Ehepaar Hermann und Emilie Kötter, die jetzt 54 Jahre alt sind und das Problem haben, sich zu entscheiden, was sie zusätzlich für ihre Rente tun sollen, aber eigentlich keine Lösung finden.
Der Rote Faden könnte in der ersten Geschichte sein: die Debatte des Bundestages und seiner Ausschüsse in den vergangenen sechs Monaten.
Beim Renten-Thema:
Ein Samstagnachmittag bei Familie Kötter (Das ist die Situation, in der solche Fragen aufkommen können).

Die Textperson könnte in beiden Fällen sein: ein Rechtsanwalt, für den das, was man im Bild sieht und hört, Argumente sind, wie Gesprächsleiter durch ihre Körperhaltung auf Unterbrechung der Diskussion dringen, um einen Einspielfilm zu zeigen.

Einen Einspielfilm in Auftrag zu geben erfordert vom Auftraggeber, dass er die Struktur seiner Diskussion gut kennt und weiss, wann er den Film einsetzen möchte und mit welchem dramatischen Zweck. Oft sind ganz kurze und knappe Einspielfilme besonders wirksam, die z.B. nur einen oder zwei O-Töne enthalten oder eine kleine Statistik, die die Diskutanten wieder auf den Boden der Tatsachen bringt.
Der Erzählsatz eines Einspielfilms muss dann vollständig sein, wenn es sich um einen Erklärfilm handelt oder um ein Argument. Er sollte aber dann – entgegen dem sonst Üblichen – am Ende ein neues Hindernis auftürmen, damit der Einstieg in die Diskussion sich lohnt. Wenn aber der Einspielfilm thematisch einen neuen Abschnitt der Diskussion einleiten soll, dann sollte der Erzählsatz wie beim Anspielfilm unvollständig sein, damit er die folgende Diskussion aufreisst.
Der Rote Faden kann sehr unterschiedlich sein; man kann jede Art von Ablauf nutzen.
Die Textperson muss eine hohe Spannung zu Bild und Geräusch schaffen, damit man den Einspielfilm als Vorantreiben der Diskussion erlebt, denn mitten in einer Fernsehdiskussion wirkt der Einspielfilm ja wie ein weiterer Gesprächsteilnehmer.
Das Ergebnis für die Zuschauer: Sie bekommen in der Diskussion durch die andere Form eine Abwechslung und Erholung und neue Spannung auf das Folgende.

Beispiel für einen Einspielfilm. Zum Thema »Kindergärten für alle« könnte der Erzählsatz lauten:
Ich erzähle Euch heute die Geschichte von Katrin Bense, die das Problem hat, arbeiten zu müssen, aber nicht zu können, weil die Öffnungszeiten der Kindergärten mit ihren Arbeitszeiten nicht übereinstimmen und die daher Sozialhilfe bezieht.
Der Rote Faden könnte sein: der Tageslauf dieser Frau.
Die Textperson könnte sein: eine einigermaßen wütende Freundin, die genau so alt ist, den gleichen Beruf hat, aber eben kein Kleinkind.

Der Rausschmeißer benötigt, da es sich um eine Geschichte handelt, auch einen Erzählsatz, sogar einen besonders genauen, weil sonst die Pointe zu flach wird. Schön sind Rausschmeißer, die ihre Geschichte vor allem in Bild und Geräusch erzählen können und deshalb nur einen sparsamen, aber genau steuernden Text haben. Die Geschichte eines Rausschmeißers ist immer vollständig, sie lässt keine Fragen offen.
Die Textperson kann sehr unterschiedlich sein, oft aber wirkt die allwissende, über den Dingen schwebende Textperson sehr treffend.
Das Ergebnis für die Zuschauer: Sie fühlen sich entspannt und heiter aus der Sendung entlassen, sie spüren positive Gefühle und bekommen vielleicht Lust auf die nächste Folge der Sendung.

Beispiel für eine Rausschmeißgeschichte könnte sein:
Ich erzähle Euch heute die Geschichte von dem schottischen Bauern, der seine Rinder nicht verkaufen kann wegen einer Krankheit, sie aber nicht schlachten will und sie deshalb jetzt an der nahen Autobahn mit entsprechend geschorenem oder bemaltem Fell als lebendige Reklametafeln für irgendein Produkt grasen lässt.

Eine Geschichte mit diesem Erzählsatz kann man in sehr unterschiedlichen Variationen erzählen, und für eine Rausschmeissergeschichte kann man sich auch an Erzählweisen und Erzähler wagen, die im üblichen ernsthaften journalistischen Kontext ungünstig wären.

Zwei Möglichkeiten zur Auswahl.
Erste Version:
Der Rote Faden könnte sein: fünf Minuten auf dem Parkplatz neben der Autobahn.
Dazu die Textperson: ein Theaterkritiker, der das Ganze als Aufführung rezensiert (denn es handelt sich ja um eine Reklamedarbietung, die ihm ebenso zugänglich ist wie eine Aufführung auf der Bühne).

Zweite Version:
Der Rote Faden: ein Abend in der schottischen Dorfkneipe, in der die Bauern sitzen.
Die Textperson dazu könnte sein: die Frau des Nachbarn, die diese Idee neidisch bewundert.

Je nachdem, welche Textperson diese im Erzählsatz gleiche Geschichte erzählt, ändert sich ihre Wirkung. Man muss sich jedenfalls, ebenso wie für einen bestimmten Erzählsatz, für eine bestimmte Textperson entscheiden, um das Publikum zu überzeugen.

Der Aufschrei gehört zu den kommentierenden Fernsehformen; manche Redaktionen nennen es auch »Hass-Stück«. Es ist ein ganz kurzer, emotionaler Kommentar. Wer kommentiert ist im ON, kann aber auch mit Bildern unterschnitten werden. Ein Aufschrei kann auch allein aus Szenen, Geräuschen und Text bestehen. Er muss durchaus nicht in allen Argumenten stimmen. Als eine Form des Kommentars ist der Aufschrei notwendigerweise einseitig, bis hin zur massiven Provokation.

Der Erzählsatz ist beim Aufschrei nicht vollständig. Er hat normalerweise eine Hauptfigur, nämlich das, worüber man sich ärgert oder der, dem Unrecht geschieht. Er hat ein ganz hartes Hindernis, das sich nicht bewegt und das keinerlei Veränderung zulässt, weshalb die Textperson zu brüllen oder zu explodieren beginnt.
Der Rote Faden startet normalerweise mit der Erfahrung bei einem ganz bestimmten Vorgang und gerät dann immer mehr ins Abstrakte. Denn beim Aufschrei steht am Ende immer irgendeine Forderung, die ja notwendigerweise nicht erfahrbar sein kann. Das ist nur dann anders, wenn die Forderung darin besteht, eine bereits bestehende Erfahrung zu übernehmen. Der Aufschrei benötigt einen absolut klaren logischen Roten Faden, der aber nicht unbedingt einen Kompromiss mit der Lebensrealität eingehen muss. Weil es ein Kommentar ist, ist der Sprechende selbst die Textperson.
Das Ergebnis für den Zuschauer ist ein Anstoß, eine Herausforderung. Man weiß vielleicht noch nicht ganz genau warum, aber man weiss, dass der Aufschreiende irgendetwas für faul oder dumm oder unmöglich hält. Daraus kann man schliessen, ob man dieser Meinung folgt oder nicht. Was man tut, hängt von der Glaubwürdigkeit dessen ab, der den Aufschrei macht.

Beispiel für ein Hass-Stück oder einen Aufschrei.
Über einen Spielplatz könnte der Aufschrei als Erzählsatz haben:
Ich erzähle Dir heute die unglaubliche Geschichte eines schönen Platzes, der nicht als Kinderspielplatz dient, sondern als Müllkippe. Trotz vieler Eingaben von Eltern und Anwohnern ändert sich nichts, weil kein einziger der Stadtverordneten dort wohnt.
Der Rote Faden könnte sein: ein Dienstag, an dem normalerweise die Stadtreinigung Mülltonnen leert.
Die Textperson könnte sein: ein ätzender Engel, der auf einer Wolke sitzt und sich das Ganze von oben betrachtet, ironisch, scharf.

¹ z.B. wenn es darum geht, bestimmte Termine einzuhalten.

² Man könnte glauben, das sei eigentlich bei jedem Informationsfilm so. In Wirklichkeit aber findet man in den meisten Fernsehformen die Hauptfigur im Geschehen selbst. Aber natürlich ist auch dort immer der Zuschauer beteiligt.

Quelle: Fernseh-Journalismus, 8. Auflage (»Online plus«)
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