Dramaturgische Hilfen für Aufbau und Gestaltung

(Gregor Alexander Heussen)

Jeder Fernsehbeitrag braucht ein schlüssiges Konzept. Einen solchen sinnvollen und logischen Aufbau zu finden, ist oft nicht einfach. Dieser Beitrag vermittelt dafür das Handwerkszeug. Je nach Länge und Thema des Beitrags wird man es unterschiedlich intensiv nutzen, im Prinzip ist es aber immer als Leitlinie dienlich.

Die »Story« des geplanten Beitrags sollte man dafür an folgenden Kriterien überprüfen/ausrichten:

  • Wie lautet mein Erzählsatz?
  • Welches emotionale Ziel habe ich?
  • Welches argumentative Ziel verfolge ich?
  • Was ist mein Roter Faden?
  • Wer ist meine Textperson?

Der Erzählsatz beschreibt das dramatische Skelett der Filmgeschichte:

  • Um wen oder was geht es eigentlich? (Hauptfigur: Person, Tier, Gruppe, Ort, Institution, Gegenstand, Abstraktum)
  • In welcher Situation befindet sich die Hauptfigur in dem Moment, in dem sie im Film erscheint, welche Eigenschaften hat sie? (Attribute)
  • Welche – auch widerstreitende – Handlungsmotive hat die Hauptfigur, welche haben eventuell die Nebenfiguren?
  • Mit wem oder womit muss sich die Hauptfigur auseinandersetzen? (Herausforderung, Gegner, Problem, Widerstand, Hindernis, Aufgabe, Plan, Ziel, Handicap);
  • Was ist das Ergebnis dieser Auseinandersetzung? (Veränderung, Verwandlung, erster Schritt, Veränderung in der Sicht des Publikums, keine Veränderung).
  • Wer sind die Nebenfiguren? In welcher Beziehung stehen sie dramaturgisch zur Hauptfigur, zu deren Herausforderung oder zu deren Veränderung?

Beispiel für einen Erzählsatz. Für einen Film in einer Servicesendung zur Gesundheit könnte er etwa folgendermaßen aussehen:
Wir erzählen die Geschichte einer etwas unsportlichen (Attribut) Frau (Hauptfigur), die ihr zweites Kind erwartet  (Attribut), aber bei der ersten Geburt sich sehr schwer getan hatte (Attribut), und die sich ihre dennoch frohe  Erwartung auf die Geburt erhalten möchte (Handlungsmotiv). Sie muss nun lernen, sich konsequent an die empfohlenen Übungen zu halten, die ihr der Arzt (Nebenfigur) dringend empfohlen hat (Herausforderung). Obwohl ihr das sichtbar schwer fällt, trainiert sie und erlebt, dass sie sich körperlich viel besser fühlt und Freude an den Übungen bekommt (Veränderung) und gute Aussicht hat, die nächste Geburt leichter zu überstehen (Veränderung). Der Erzählsatz sichert die journalistische Präzision und die Grundspannung einer Geschichte.

Nach dem Erzählsatz müssen sich der Bildstil, die Tongestaltung, die Musik und der Text richten. Hinzu kommen als Richtschnur für den Film die beiden entscheidenden Ziele, das emotionale und das argumentative Ziel: Das emotionale Ziel beschreibt, was der Zuschauer am Ende des Films fühlen wird. Es sichert die emotionale Steuerung des Films über die gesamte Länge. Ein emotionales Ziel für unser obiges Beispiel könnte lauten: Bewunderung für die Anstrengung und Ausdauer. Das argumentative Ziel beschreibt, was der Zuschauer am Ende des Films verstanden haben sollte, z. B. einen Zusammenhang, Kriterien für ein Urteil, Grundlagen für eine Einschätzung, einen spezifischen Ablauf.

In unserem obigen Beispiel könnte das argumentative Ziel heißen: Die genauen Schritte und Techniken bestimmter Übungen verstehen, damit man sie nachmachen kann.

Von dieser dramaturgischen Grundlage ist – vor aller Ästhetik – gerade der Filmtext abhängig, denn er wird besonders wirksam, wenn er durch seine Wortwahl und Perspektive (Textperson, vgl. weiter unten) den Zuschauer die Elemente des Erzählsatzes spüren lässt und selbst einen Spannung schaffenden Gegenpol zu Bild, Geräusch und Musik darstellt.

Dokumentarische Filme müssen sich – anders als fiktionale Filme – an der Lebensrealität des Publikums prüfen lassen. Als dokumentarischen Film bezeichnen wir hier alle Filmformen, von der Nachricht bis zu langen Dokumentarfilmen, die das Ziel haben, dem Zuschauer einen Zugang zu seiner äußeren und inneren Lebensrealität offen zu halten oder ausdrücklich zu vermitteln. Dokumentarische Filme haben immer das Ziel, dass der Zuschauer über den Sinnenreiz und das Erleben hinaus etwas tatsächlich versteht.

Ein dokumentarischer Film erhält

  • seine inhaltliche und erzählerische Struktur durch den Erzählsatz,
  • seine wirkliche Gestalt durch Bild, Geräusch, Musik, O-Ton und Text und seine Glaubwürdigkeit
  • durch das Zusammenspiel dieser Darstellungsebenen und der filmischen Gestaltungsmittel in Bezug auf den Erzählsatz sowie
  • durch den die Aufmerksamkeit sicher und erlebnisreich steuernden Text.

Fiktionale Filme haben einen anderen Anspruch. Sie entstehen allein aus der Vorstellungskraft ihrer Autoren und Regisseure und können sich mit einer im Binnenraum des Films sicher funktionierenden Logik begnügen. Fiktionale Filme müssen nur in sich stimmen. Dokumentarische Filme aller Genres hingegen müssen ihre Logik bis in die  Lebensrealität der Zuschauer hineinziehen.

Der Rote Faden beschreibt den Verlauf des Films. Rote Fäden können mehr oder weniger dicht am Geschehen sein. Ein Zeitverlauf, ein Weg, die unterschiedlichen Aspekte eines Ortes, ein eher abstrakter Entscheidungsgang oder Verfahrensablauf, eine Spielregel, eine gesellschaftliche Regel, ein Ritual. Zu den Roten Fäden gehören vor allem aber Fachmethoden, fachliche Denkstrukturen und die unterschiedlichen logischen Abläufe:

  • Deduktive Methode. Deduktiv nennt man die Logik der Juristen oder Lehrer, die einen Text nach der darüber stehenden Überschrift erläutern.
  • Induktive Methode. Induktiv nennt man die Logik der Detektive und Kriminalisten, die sich von Indizien und Spuren zu Schlüssen vortasten
  • Dialektische Methode. Dialektische Logik nennt man das Vorgehen, bei dem man über eine Ausgangsposition (These) durch Einwände (Antithese) zu einem Ergebnis (Synthese) kommt.
  • Qualitative Steigerung ist die Anordnung der Fakten nach einem in der Intensität sich steigernden Kriterium wie „gut, besser, am besten“.
  • Quantitative Steigerung erreicht das gleiche einfach durch Steigerung der Zahlengröße.

Am überzeugendsten für die Aufmerksamkeit der Zuschauer erweisen sich diejenigen Roten Fäden, die jeder aus eigenem Erleben kennt, etwa den zeitlichen Ablauf eines Tages, eine Wegstrecke oder das Aufkommen eines bestimmten Gefühls.

Die Textperson beschreibt den Erzähler des Films, die Rolle und die dramatische Position, in der Autoren in einem Film auftreten. Der so genannte Beobachter, der einfach registrierende Journalist ist eine solche Rolle. Professionelle journalistische Regeln sollen in dieser Rolle dazu führen, eine möglichst sachgerechte dramaturgische Position zu erreichen, die vorschnelle und subjektive Urteile vermeidet. Auch Anwalt oder Richter, Sozialarbeiter oder Freund, Spötter oder Lehrer können solch eine dramatische Position (Textperson) sein.

In jedem Beitrag agieren die Autoren/Reporter in einer Rolle. Nur im Kommentar sind Autoren und dramaturgische Position identisch. Sie sind sie selber, geben ihre eigene Meinung wieder. Entscheidet man sich nicht für eine bestimmte Textperson, gerät man oft in die Rolle von Pressesprechern und Unternehmensvertretern. Durch die Textperson schaffen sich Autoren die Glaubwürdigkeit beim Zuschauer und häufig einen Gewinn an Spannung und Attraktivität. In der Praxis entstehen heute – in Zeitungen mehr als im Fernsehen – zu sehr seriösen Themen manchmal auch Textformen, in denen sich der Journalist in seiner persönlichen Befindlichkeit zeigt. Aber auch dies ist eine Rolle, was man daran erkennt, dass sich der Autor als öffentliche Person »privat« gibt.

Das Ergebnis für den Zuschauer beschreibt das Ziel und die Wirkung, die Autoren mit ihren Filmen erreichen wollen. Das Ziel hat immer zwei wesentliche Aspekte:

  • das emotionale Ziel, das beschreibt, welche Emotion der Film am Ende beim Zuschauer erreichen möchte.
  • das argumentative Ziel, das beschreibt, was der Zuschauer am Ende des Films genau verstanden haben soll.

Das emotionale Ziel muss besonders beachtet werden, denn das Publikum ist für Fakten vor allem dann zu interessieren, wenn die dafür spezifische Emotion vorher und grundlegend entstanden ist. Beide Ziele dienen im Verlauf der Arbeit gleichsam als Kompass, um gestalterische Einzelentscheidungen beim Dreh, beim Schnitt und beim Texten auf die Geschichte hin auszurichten.

Weitere Beispiele für diese Gestaltungskriterien finden sich im Beitrag »Erklärfilm, Rausschmeißer und andere Kurzformen«, vgl. dort. Quelle: Fernseh-Journalismus, 8. Auflage (»Online plus«)
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