Korrespondentenbericht aus dem Ausland

(Jörg Schönenborn / Michael Strempel)

Das Interesse an Informationen aus dem Ausland ist beim deutschen Fernsehpublikum vergleichsweise stark. Während die Nachrichtensendungen der großen amerikanischen Networks fast ausschließlich über Themen aus den USA berichten, leisten sich deutsche Fernsehsender umfangreiche Auslandsberichte und eine Vielzahl von Korrespondentenbüros.
Die ARD unterhält mehr als zwei Dutzend (aktueller Stand und Namen der Korrespondenten s. ARD-Jahrbuch) und hat damit eines der dichtesten Korrespondentennetze weltweit. Die Korrespondentenriege des ZDF ist beinahe genauso groß, während sich die kommerziellen Sender nur in besonders wichtigen Hauptstädten wie Washington, Moskau, London und Paris fest eingerichtet haben. Sie setzen stattdessen (wie zusätzlich auch ARD und ZDF) auf Sonderkorrespondenten, die mit ihren Teams eingeflogen werden, sobald sich irgendwo auf der Welt ein wichtiges Nachrichtenereignis ankündigt.
Die Arbeit des Auslandskorrespondenten ist breiter angelegt als die seiner Kollegen
im Inland. Nachrichtenfilme sind nur ein Teil seiner Arbeit. Er liefert auch Hintergrundberichte für Auslandsmagazine und Kultursendungen (vgl. »Magazine«) oder produziert Features (vgl. »Feature und Dokumentation«).
Die aktuelle Berichterstattung prägt allerdings seine Arbeit, besonders in Ländern, die weltpolitisch bedeutsam sind. Gibt es im Inland Dutzende Reporter, die sich häufig auch noch auf bestimmte Themen spezialisiert haben, muss der Auslandskorrespondent Politik, Wirtschaft und Kultur eines ganzen Landes, manchmal sogar mehrerer Länder im Auge behalten. In demokratischen Staaten können Korrespondenten genauso frei arbeiten wie im Inland. In diktatorisch regierten Ländern müssen Dreharbeiten allerdings häufig angemeldet und von den Behörden genehmigt werden. Die Korrespondenten riskieren sonst festgenommen und ausgewiesen zu werden. Doch selbst nach erteilter Genehmigung können Korrespondenten oft nur in Begleitung staatlicher Aufpasser arbeiten. Korrespondenten machen in ihren Berichten normalerweise auf solche Umstände aufmerksam.
Das Geschehen in einen Zusammenhang einordnen, um es verständlich zu machen, müssen Auslandskorrespondenten stärker als Inlandskorrespondenten. Kenntnisse der Zuschauer über Umstände, die im Land selbst jedem vertraut sein mögen, können nicht vorausgesetzt werden.
Beispiel: Bei Grubenunglücken in einem Drittweltland müssen gegebenenfalls die generell schwierigeren Arbeitsbedingungen und geringeren Sicherheitsstandards erläutert werden.
Für die Berichterstattung aus Kriegs- oder Krisengebieten sollten Korrespondenten
in speziellen Sicherheitstrainings geschult werden (Verhalten im Fall einer Geiselnahme, Erste Hilfe etc.). Entsprechende Kurse werden von einzelnen Sendern oder Fortbildungseinrichtungen (vgl. Kapitel »Aus- und Fortbildung«) angeboten. Kriegskorrespondenten können auch als so genannte »embedded« Reporter die Armee einer kriegführenden Partei begleiten (Beispiel US-Armee im Irak-Krieg 2003). Der Reporter genießt in diesem Fall den Schutz der jeweiligen Truppe, ist aber auch oft in seinen Bewegungsmöglichkeiten beschränkt. Er ist in Gefahr, das Geschehen einseitig aus der Perspektive des Landes zu sehen, in dessen Armee er »eingebettet« ist. Die besonderen Rahmenbedingungen einer solchen Berichterstattung müssen für die Zuschauer offen gelegt werden.
Die Produktionsbedingungen im Ausland unterscheiden sich gründlich von denen in der Heimat. Oft sind die Entfernungen so groß, dass der Korrespondent es gar nicht schafft, mit seinem Team alle wichtigen Ereignisse selbst zu drehen. Hilfestellung leisten so genannte Producer – ortsansässige Journalisten, die Themen suchen, recherchieren und Kontakte schaffen. Sie begleiten Kamerateams im Auftrag des Korrespondenten bei Dreharbeiten, führen gelegentlich auch Interviews und übersetzen. Neben dem selbst gedrehten Material gibt es zusätzliche Bildquellen. Meist stellt das örtliche Fernsehen Bilder zur Verfügung, und Produktionsfirmen bieten Kassetten zum Kauf an. Die Berichte werden im eigenen Studio geschnitten und entweder direkt von dort oder über das örtliche Fernsehen nach Deutschland überspielt. Die Zeiten, da Korrespondenten ihr Drehmaterial ungeschnitten mit dem Flugzeug an die Heimatredaktion schickten, sind längst vorbei. Selbst außerhalb der fest eingerichteten Studios lassen sich heute weltweit Satellitenübertragungsanlagen (so genannte »Flyaways«) mieten, die man, in wenigen Koffern verpackt, mit auf Drehreise nimmt. Der/die Korrespondent/in kann damit von jedem Punkt der Erde praktisch ohne Zeitverzögerung überspielen.

Weiterführende Literatur:

Martin Wagner, Auslandskorrespondent/in für Presse, Radio, Fernsehen und Nachrichtenagenturen (List
Journalistische Praxis, München 2001)

Quelle: Fernseh-Journalismus, 8. Auflage (»Online plus«)
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