Moderationstipps von Hanns Joachim Friedrichs

(Axel Buchholz)

Hanns Joachim Friedrichs war sechs Jahre lang regelmäßiger Moderator der »Tagesthemen« (ARD) – ein Fernseh-Journalist, der auch lange nach seinem Tod noch als Vorbild gilt.1 Seine Tipps zur Moderation sind nach wie vor hilfreich. Sie werden in diesem Beitrag ergänzt durch Grundsätzliches zur Moderation und mit Moderationstexten von Jörg Schönenborn.

Moderationen ablesen. Warum der Moderator das in Nachrichtensendungen sollte,
begründet Friedrichs so:

  • Die freie Rede kostet mindestens doppelt soviel Zeit.
  • Die Regie braucht z.B. für das Abfahren von Filmen und das Einblenden von Fotos und Grafiken ein genaues Stichwort.
  • Bei freier Rede ist die Gefahr eines falschen Zungenschlages zu groß. »Was in Nachrichtensendungen gesagt wird, muss durch den Filter der ruhigen Überlegung laufen«.

Friedrichs hält deshalb das Schreiben der Moderationstexte »für die wichtigste Tätigkeit des Moderators überhaupt, für den Kern der Moderationsarbeit«.

Ein Moderationstext als Beispiel:
Klingt vielleicht ein bisschen vermessen, …
(Ein direkter, umgangssprachlicher Einstieg, ein »Hinhörer«, der Aufmerksamkeit
wecken und neugierig machen soll: Was klingt vermessen?)
...aber Papstbesuche als solche sind für Köln nichts Neues.
Allein Johannes Paul II war zweimal hier. 1980 und 1987.
Historisch ist (heute aber) etwas anders: Benedikt XVI ist
der erste deutsche Papst seit fast 500 Jahren und der macht
seine erste Auslandsreise nach Deutschland.

(Im Hauptteil der Moderation/ der »Hinführung« erst die Begründung für den Einstieg,
dann überraschend in einer gedankliche Kehrtwende, die Erklärung, warum dieser
Besuch dennoch etwas Besonderes ist, der Zuschauer sich also dafür interessieren
sollte.)
Frank Plasberg auf dem Rollfeld des Köln/Bonner-Flughafens.
Josef Ratzinger ist oft in Köln gelandet.

(Die direkte Überleitung zum Reporter, die »Anbindung« nur mit Namen, Standort
und einem Stichwort für den Reporter-Einstieg.)

Eigene Spreche schreiben. Der Moderator soll ein Deutsch schreiben, das im Idealfall so klingen muss, als sei es ihm gerade eingefallen. Dafür müssen die Regeln des Schreibens fürs Hören2 beherzigt werden. Außerdem sollte der Moderator seine Sätze laut sprechen, wenn er sie aufschreibt. »Ich brabbele …vor mich hin«, sagt Friedrichs. Und das tue er so lange, bis jeder Satz »die Kadenz gefunden hat«, die ihm und seiner Art gemäß sei. »Erst wenn es klingt, dann
schreibe ich es auf«.
Friedrichs’ Stilregel: Umgangston treffen und Kunstsprache vermeiden. »Ich versuche eine Sprache zu finden, von der ich glaube, dass der Zuschauer damit keine Mühe hat«. Gelegentlich kleine »stilistische Mätzchen« schließe das aber nicht aus.

Mut zum Weglassen und zur Vereinfachung. Für Friedrichs ist Verständlichkeit der Schlüssel zur Akzeptanz beim Zuschauer: »Wenn ein Zuschauer nicht versteht, was Sie sagen, dann brauchen Sie es gar nicht erst zu sagen«. Der Moderator müsse deshalb »mit dem breiten Pinsel malen, und nicht mit dem Haarpinselchen jedes Detail nachzeichnen, weil dies zur Unverständlichkeit führt«.  Moderationen müssten nicht vollständig, sehr wohl aber im Kern richtig sein (»sich vom Vollständigkeitswahn lösen«).
Jeden Moderationstext sollte der Moderator gegenlesen lassen, zur eigenen Sicherheit.

»Anmods« (Anmoderationen) bestehen aus drei Teilen:

  • Der »Hinhörer« (»ear-catcher«) soll beim Zuschauer sofort Interesse bewirken.
  • Die »Hinführung« soll danach die erreichte Aufmerksamkeit nutzen, um mit zusätzlichen Informationen den Zuschauer in wenigen Gedankenschritten auf den Beitrag einzustimmen oder vorzubereiten.
  • Die »Anbindung« ist die direkte Verknüpfung von Moderation und Beitrag.

Lesen, lesen, lesen. Nur durch ständiges Lesen könne der Moderator genügend Hintergrundwissen erwerben und sich auf dem aktuellen Stand halten, ist Friedrichs’ Überzeugung. Sehr häufig reichten Agenturmeldungen und  Archivmaterial für die Moderationstexte nicht aus. »Auf den eigenen kleinen Computer im Kopf muss Verlass sein«.

Kurze Anfangsmoderation. Die erste Moderation soll nicht zu lang sein. Fünf bis sechs Zeilen hält Friedrichs für angemessen (was heute allerdings eher die Länge einer normalen Moderation ist). »Dann muss erst einmal ein Bild laufen in der Sendung, muss etwas passieren«. Später in der Sendung könnten die Moderationen dann auch einmal etwas länger werden, abhängig von Typ und Stil eines Programms.

Die Arbeitsteilung von Moderator und Autor. Der Moderator bringt z. B. den aktuellen Anlass, der Beitrag dann Einzelheiten und Hintergrund. Manchmal sei es auch genau umgekehrt: Der Moderator liefert den Hintergrund, der
Film das aktuelle Einzelereignis. »Der Moderator stellt die Kulisse auf, damit die Arie, die der Korrespondent singt, verständlich ist«.

Anmod-Typen:

  • Nachrichtliche Anmod, ist formuliert wie eine kurze Nachricht, mit einem Leadsatz am Anfang. Der Film bringt dann weitere Fakten/Einzelheiten. Immer geeignet, wenn wirklich etwas Neues geschehen ist, wozu die Zuschauer über die knappe Kerninformation hinaus noch mehr erfahren wollen.
  • Fakten-Anmod, bringt eine Tatsache, die nicht (ganz) neu ist, aber jedenfalls von (latentem) Interesse sein muss.
  • Situations-Anmod. Moderator schildert kurz eine typische, leicht nachvollziehbare Situation aus dem Alltag:  Zu spät dran morgens. Die Nacht war sehr kalt. Da müssen die Autoscheiben erst mal…
  • Gegensatz-Anmod, knüpft an Bekanntes/Vergangenes an und führt zu Unbekanntem/Neuem (ebenso möglich: hier/dort; jung/alt usw.).

Leise sprechen, langsam sprechen, akzentuiert sprechen. Zwei Gründe führt Friedrichs dafür an, dass der Moderator möglichst leise reden sollte: Erstens bleibt dadurch die »Modulationsfähigkeit seiner Stimme nach oben« voll erhalten und zweitens entspricht dies der ganz normalen Gesprächssituation. Der Zuschauer wolle einen Ton haben, der dem Gespräch im Wohnzimmer angemessen sei: »Da brüllt normalerweise auch niemand«.

Den Zuschauer ansprechen. Die Anrede der Zuschauer (Meine Damen und Herren) hält Friedrichs für »spießig, konventionell und unelegant«. Stattdessen empfiehlt er einfach das »Sie«:
Sie werden jetzt…
oder
Ich will Sie nicht erschrecken, aber …
Der Zuschauer wisse dann schon, dass er gemeint sei (»Wer denn sonst?«).
Auch nonverbal könne man die Zuschauer ansprechen. Das Aufblicken vom Moderatorentisch in die Führungskamera nach einem Film z.B. wirke wie eine verbale Ansprache.

Ein weiteres Moderationsbeispiel:
Warum Köln? Warum kommen die meisten Päpste erst mal nach
Köln, wenn sie Deutschland besuchen?

(Mod-Einstieg mit Frage als indirekter Zuschauer-Ansprache.)
Nicht weil hier das größte Bistum, der reichste Erzbischof
zu Hause ist. Seit über 800 Jahren ist Köln einer der
wichtigsten Wallfahrtsorte des Christentums weltweit.
Genauer gesagt seit 1164, als der damalige Kölner Erzbischof
Reinald von Dassel die Gebeine der Heiligen drei Könige aus
Italien nach Köln brachte. Und zwar nicht etwa, um sie im
Dom auszustellen, sondern umgekehrt. Der Dom wurde gebaut
als großer Reliquienschrein. Eine der größten und schönsten
Kirchen der Welt
.

(Mod-Hauptteil/»Hinführung« liefert Fakten zur Vorbereitung auf die
anschließende Maz)

  • vorgestellt von Michael Kranefeld.

(Als »Anbindung« Autorennamen mit knappem Hinweis auf Art der Mitwirkung)
Alternativen für diese »Anbindung«:

  • Autorennamen weglassen, Maz schließt direkt an, Autorenname wird eingeblendet.
  • Autorenname wird in letzten Mod-Satz eingebunden:

Michael Kranefeld stellt den Dom vor – eine der größten und
schönsten Kirchen der Welt.

Rezepte für erfolgreiches Moderieren kann Friedrichs nicht geben: »Das entscheidet sich ein bisschen schon in der Stunde der Geburt«, meint er.

  • Einer hinlänglich großen Zahl von Leuten müsse man sympathisch sein. Möglichst kein Kalter-Kopf-Typ sollte man sein: »Schlaumeier-Posen« seien tunlichst zu vermeiden, was man wisse, dürfe man also nicht zum Fenster heraushängen. »Den Experten mimen, kommt nicht an«.
  • Ein Fehler sei es auch, komisch gemeintes vorher anzukündigen. »Wer sagt: Jetzt kommt was Komisches, der kann sicher sein, dass er damit einen Grossteil der Wirkung vorweg kaputt gemacht hat.«

Vor häufigem Lachen warnt Friedrichs: »Der Zuschauer soll lachen, nicht der Moderator.« Ein gelegentliches Lächeln oder verschmitztes Grinsen dagegen könne sehr wohl am Platz sein. Aufrecht und möglichst ruhig sollte der Moderator sitzen oder stehen. »Große Gesten« wirkten eher wie eine Klamotte, und zuviel Bewegung bringe störende Unruhe. Wer nicht weiß, was er mit seinen Händen machen soll, dem empfiehlt Friedrichs: »Nehmen Sie einen Kugelschreiber in die Hand. Das hilft auch etwas gegen die Anfangsnervosität.«

Für Anmod-Anfänge3 gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sie lassen sich mit den unterschiedlichen Mod-Typen und miteinander kombinieren:

  • Zitat-Anmod verwendet ein Zitat als »Hinhörer«. Es muss aussagestark, kurz und leicht verständlich sein, z.B.
    • aus einer Bundestagsrede,- aus dem Text eines bekannten Pop-Songs,
    • ein gerade aktueller Buchtitel,
    • ein cooles Teil gerade angesagter Jugendsprache
    • oder auch ein Weisheitsschatz der Altvorderen: Ehrlich währt am längsten …
  • Frage-Anmod: Wer würde das heute eigentlich noch ernsthaft behaupten: Ehrlich währt am längsten …?
  • Anmod mit Hörer-Ansprache, eine noch direktere Einbeziehung des Zuschauers:
    Sie kennen’s bestimmt, das Zitat: Ehrlich währt am längsten?
    Aber Vorsicht vor dem Einbeziehen. Viele kennen das Zitat vielleicht nicht. Also besser offen formulieren:
    Viele kennen das Zitat…
  • O-Ton-Anmod, beginnt mit einem prägnanten auf Anhieb verständlichen O-Ton, z.B. aus einer Pressekonferenz, einer Rede oder Parlamentsdebatte. Der O-Ton kann
    • vom Moderator wiedergegeben werden oder
    • im Original eingespielt werden.
  • Anmod mit Aufmerksamkeitswecker: Eine kurze Bemerkung vor der eigentlichen Botschaft soll Spannung aufbauen:
    Klingt vielleicht ein bisschen vermessen, …

»Wirklich nur an den Stoff denken«. Jeder Gedanke weg vom Text und der Sendung führe ins Unglück. Gleich zu Beginn der Sendung solle man sich zwingen, möglichst ruhig und normal zu sprechen: »Nicht durch die ersten Sätze hetzen«. Wenn er dann doch passieren sollte, der peinliche Patzer: »Zähne zusammen und durch.«

Auf keinen Fall dürfe man an den Fehler denken, weil das nur zu weiterem Konzentrationsverlust und damit neuen Versprechern führe. Aber Friedrichs weiß, dass dies leichter gesagt als getan ist, denn der Gedanke komme ganz von allein: »Was hast Du da wieder gemacht, Du Idiot.«

»Einen guten Journalisten erkennt man daran, dass er sich nicht gemein macht mit
einer Sache, auch nicht mit einer guten Sache.«
(Hanns Joachim Friedrichs)
Fußnoten
1 Alljährlich seit 1995 wird der Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis für kreativen, kritischen und unabhängigen
Fernseh-Journalismus verliehen.
2 Walther von La Roche, Fürs Hören schreiben; in: Walther von La Roche/Axel Buchholz (Hrsg.), Radio-
Journalismus (8. Auflage 2004, List Journalistische Praxis, Berlin)
3 vgl. dazu Axel Buchholz, Moderation; in: Walther von La Roche/Axel Buchholz (Hrsg.), Radio-Journalismus (8.
Auflage 2004, List Journalistische Praxis, Berlin)
Weiterführende Literatur:
Martin Wagner, Auslandskorrespondent/in für Presse, Radio, Fernsehen und Nachrichtenagenturen (List
Journalistische Praxis, München 2001)
Quelle: Fernseh-Journalismus, 8. Auflage («Online plus«)
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