Sendungen mit Zuschauer-innen-Beteiligung

(Carmen Thomas)

Die Sendungen, an denen sich Zuschauer-innen beteiligen können, werden immer zahlreicher. Das gilt auch für den journalistischen Bereich des Fernsehprogramms. Die Sendungskonzepte unterscheiden sich allerdings sehr in Bezug auf das Ausmaß, in dem die Zuschauer-innen ihre Beteiligung selbst bestimmen können.
Zuschauer-innen als lebende Kulisse. Die älteste und gängigste Form der Beteiligung ist die Möglichkeit, die Zuschauer von zu Hause in den Veranstaltungsort »umzubetten«. Als »Qualität« entsteht dadurch der Effekt, dass spontanes Lachen, Klatschen, Buh-Rufen (selten) oder der Gesichtsausdruck einzelner in die Sendung einbezogen werden können. Des Weiteren wird das Publikum systematisch als Geräusch- und optische Kulisse – und darüber hinaus – als Diskussionssplitter mit eingebaut: auf Verabredung Klatschen, »Spitze«-Rufen, Hände-Heben und Drehen, auf Fragen antworten wie »Finden Sie, dass Herr Prof. X Recht hat?«
Wie Tanzbären machen in manchen Sendungen Zuschauer-innen – ohne Zwang – etwas, was sich die wenigsten Beschäftigten einer Rundfunkanstalt freiwillig selbst zumuten würden: z.B. in Papptiere kriechen, für ein möglichst bunt-bewegtes Fernsehbild agieren und als Individuum praktisch nicht existent sein. Und seit einigen Jahren missbrauchen immer mehr Sendungen die arglos/narzisstische Kooperationsbereitschaft für grenzüberschreitende Schlüssellocheffekte.
Was »beteiligte« Zuschauer-innen erleben. Im Fernseh-Studio hören sie zuerst meist jovial klingende Begrüßungsworte und Anweisungen wie »Kräftig klatschen«, »Nicht in die Kamera sehen«, »Nicht winken«, oder erleben mehr oder weniger aufgedrehte »Warm-Uper-innen«. Sie können beobachten, wie Menschen, die sich nicht selten besonders wichtig gebärden, Anweisungen geben, Ton-, Kamera-, und Stellproben machen.
Wer im Publikum sitzt, stellt dann fest, dass man am Fernseher immer mehr mitbekommt als vor Ort, denn die Technik hat Vorrang. Sie versperrt dem Publikumdie Sicht. Die Beschallung lässt so gut wie immer zu wünschen übrig (wegen der Koppelgrenze). Sie sehen einen Moderator oder eine Moderatorin, der oder die oft besonders schick oder strange aufgemacht ist und der oder die eher die Tendenz hat, mit den fast immer geladenen »wichtigen« Gästen sehr viel geduldiger und zuwendungsvoller umzugehen. Manchmal bekommen die Zuschauer-innen noch mit, wie viel vorher durchprobiert wird. Oft lernen sie, dass Spontanes und Unkontrolliertes nur für Minuten statthaft erscheint und normalerweise nicht vorgesehen ist.
Wenn die Sendung vorbei ist, stellt sich nicht selten heraus, dass der Eindruck von zwangloser Gemütlichkeit, den sie vom häuslichen Schirm mitgebracht hatten, sofort nach Sendeschluss zerfällt. Im ungünstigsten Fall wird das Publikum schleunigst aus dem Sendeort gedrängt, weil die Angestellten Dienstschluss haben, und man das technische Gerät nicht mit den Zuschauer-innen einfach stehen lassen darf. Auch das freundliche Interesse des Moderators oder der Moderatorin scheint häufig mit dem Verglimmen der Monitore erloschen. Der Umzug in die Kantine, Kneipe – falls überhaupt vorgesehen – ist immer ein enttäuschendes Herausreißen.Ob einer der Effekte dieser Behandlung ist, dass es inzwischen Agenturen geben muss, um für manche Sendungen Publikum zu finden und Menschen die, nur um das Studio zu füllen, Honorar erhalten?
Das Publikum sollte sich mit Würde einbringen können. Wenn Zuschauer-innen ihre Kompetenz, ihre Unmittelbarkeit, ihren unterschiedlichen Erfahrungs-, Bildungs-und Sozial-Hintergrund, ihre Emotionalität und Eckigkeit einbringen können, erscheint Publikumsbeteiligung als besonders sinnvoll. Das sind Sendungen, in denen Zuschauer-innen zum gleichwertigen, partnerschaftlichen Mitmachen eingeplant sind, aus der Erkenntnis heraus, dass sie uns etwas bringen können, was wir weder haben noch wirklich inszenieren können.
Was durch Publikumsbeteiligung erreicht werden kann:

  • Auch unorganisierten Bürger-innen ein Sprachrohr bieten.
  • TV-Zweiweg-Kommunikation begünstigen.
  • »Sachverhalte« durch auseinander liegende Positionen relativieren.
  • Mündigkeit und/oder klare Interessenschau der verschiedenen Gesellschaftsgruppierungen zulassen.
  • Im Vergleich unterschiedlicher Wahrheiten eigene Standorte ermöglichen.
  • Von den Zuschauer-innen und aus ihren Bereichen, die nicht unsere sind, lernen.
  • Das Vor-Ort-Publikum als Repräsentant-innen der zu Hause Zuschauenden mit ihrer Gruppenklugheit nutzen.
  • Dialekte, Sprachfehler und Versprecher als Realität integrieren und so die oft fernsehspezifische Aalglätte als unwirklich entlarven.
  • Lernprozesse durch Identifikation und Gefühle erleichtern.
  • Die Wünsche von Zuschauer-innen wahrnehmen lernen, um vom Termin-Verlautbarungs- und Einladungs-Journalismus wegzukommen.

Die Erkenntnis greift um sich, dass Zuschauer-innen nicht nur »blöd«, d.h. winkend oder wichtigtuerisch, nichts sagend oder schüchtern sind. Das Erlebnis, dass Sendungen, an denen das Publikum unvorsortiert beteiligt wird, andere Dimensionen eröffnen, unterhaltender und authentischer sein können, als abgehobene Expert-innenrunden, findet immer häufiger statt. Aber leider wird immer noch meist vorbesprochen oder gar vorgecastet, ohne Neugier auf Fremdes und ohne trainierte Professionalität im Umgang mit Überraschendem.
Das Publikum ernst nehmen. Es hilft, sich in die Lage der Besucher-innen zu versetzen. Es gilt zu erkennen, wie viel Unterstützung vom Publikum kommen kann, wenn ich es nur lasse und beachten lerne. Wer Qualität vom Publikum will, der sollte beachten:

  • Der Moderator oder die Moderatorin selbst müssen sich Zeit nehmen, den Sendeablauf transparent zu machen und die Rolle, die das Publikum darin übernehmen kann, zu erläutern.
  • Technische Notwendigkeiten sollten erklärt und auch Kolleg-innen von der Technik dazu Ansprechpartner-innen sein. Schließlich kommen viele Zuschauerinnen auch aus technischem Interesse.
  • Die Macher-innen benötigen auch ein systematisches Feedback zu den Vor- und Nachgesprächen mit dem Publikum.
  • Zuschauer-innen-Betreuer-innen sollten für ihre Aufgabe ausgebildet werden, um den Besucher-innen ihre Kompetenz und Authentizität in der einschüchternden Atmosphäre zurück zu vermitteln.

Die systematische Nachbetreuung. Damit ist u. a. gemeint, dass jemand da sein muss, der oder die den Mitmacher-innen, das unvermeidliche Gefühl, etwas Falsches und Unvollständiges gesagt und sich blamiert zu haben, lindert: zum Beispiel durch ein echtes positives Feed-back zum Gesagten und ein Gesprächsangebot zum Ungesagten, um den unvermeidlichen »Auftritts-Kater« zu kalmieren.
Ein wichtiges, demokratisches Dienstleistungsgewerbe mit besonders vielen Möglichkeiten und besonders viel Verantwortung ist das Medium Fernsehen. Das gilt es, stärker als bisher in das Bewusstsein zu fördern. Verfremdung von Wirklichkeit ist ein wichtiges künstlerisches, aber auch didaktisches Mittel. Unser Fernsehen hat sich jedoch nicht ausreichend um die Wirklichkeit als solche, ohne künstliche und künstlerische Mittel, bemüht. Der Alltag und die Durchschnittsmenschen gelten noch zu oft als grau, stinknormal und uninteressant. Ein Grund, warum Mitmacher-innen fast grundsätzlich vorsortiert oder vorgecastet werden und die Themen oft reißerisch und absonderlich ausgewählt werden.
Dabei gibt es keine langweiligen Themen und Menschen, sondern nur langweilige Arten, auf Themen und Menschen zuzugehen. Eine der Ursachen für die Berührungsangst mit der Realität ist sicher, dass der Flimmerkasten sich noch nicht genügend von seinen Vorfahren Ufa und Hollywood emanzipiert hat. Überall finden sich im Kleinen noch Spuren dieser starbezogenen, künstlich bunten, irrealen und aufwendigen Vergangenheit. Sendungen mit Zuschauer-innen-Beteiligung schaffen Wege, die Wirklichkeit mit ihrer anderen, lebendigen, politisch und menschlich bedeutsamen Qualität zu integrieren. Es lohnt sich, daran zu arbeiten. Auf die Realisierung werden die Leser-innen dieses Buches – jedenfalls in ihren ersten Jahren beim Fernsehen – kaum einen Einfluss haben. Andererseits bringen gerade Neulinge die nötige Offenheit, Unbelastetheit und (noch) die erforderliche Distanz mit.

Weiterführende Literatur:

Carmen Thomas, »Willi kannze mich hören« (vgs, 1994)
Carmen Thomas, Hallo Ü-Wagen. Rundfunk zum Mitmachen – Erlebnisse und Erfahrungen (List Journalistische Praxis, München 1984)
Carmen Thomas, Vistem – oder der klare schnelle Weg zur Sache (Beltz, 1996)
Carmen Thomas, Angst macht dumm; in »Vox populi« (Bundeszentrale für politische Bildung, 1996)

Quelle: Fernseh-Journalismus, 8. Auflage (»Online plus«)
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