Das neue »heute journal« Studio

»Wir sind Player in der digitalen Welt«

Im Interview spricht Anne Reidt, seit 2009 Leiterin der »heute journal«-Redaktion, über das mit neuester digitaler Medientechnik ausgestattete Nachrichtenstudio.

Wie hat das neue Studio die Sendung verändert?
Mit dem neuen Nachrichtenstudio kommt das heute journal in der Zukunft – und noch besser bei den Zuschauern – an. Wir zeigen, dass wir Player sind in der digitalen Welt. Die Medienforschung bestätigt diesen Anspruch. 67 Prozent unserer Zuschauer gefällt das neue Studio »gut« oder »sehr gut«, unter den 18-29jährigen liegt die Zustimmung sogar bei 71 Prozent. Bilder, Filme und Grafiken schieben sich in den Newsblock wie in einer Slideshow. Bewusst zeigen wir damit Konvergenz zur Optik im Netz. Cool, aber nicht kühl, zukunftsfest, aber nicht spacig. Viele nutzen und produzieren digitale Bilder im Alltag. Wir halten Schritt. Warum sollen Werbeclips besser aussehen als Nachrichten? Animierte Elemente oder 3-D-Objekte können Fragen der Zuschauer »wie funktioniert das eigentlich?«, oder »wie wirkt sich eine politische Maßnahme auf die Realität aus?« verständlicher und moderner beantworten. Unser Markenkern, Nachrichten besonders gut erzählen und erklären zu können, erhält durch das digitale Studio neue Werkzeuge in einer neuen, schicken Schale. Im Netz der Informationen sind animierte Grafiken oder Objekte Echtzeit-Links. Inhalt und Form der Sendung fließen immer stärker ineinander. An erster Stelle steht in der Redaktion aber weiterhin das Ringen um die besten Inhalte. Content counts! Was wir erzählen und erklären wollen, steht vor der Frage, wie es am Ende aussieht. Veränderungen gibt es also in der äußeren Gestalt, auch in den dramaturgischen Möglichkeiten, aber nicht im journalistischen Anspruch an Relevanz. Ohne überraschende Zugänge zu wichtigen Themen keine zufriedenen Zuschauer. Unser altes Studio hatte schon ein bisschen plüschige Patina angesetzt. Wir sind jetzt frischer und doch noch ganz die Alten: Vorbereiten, Rotlicht, Flurschelte. An diesem Dreisprung einer tagesaktuellen Magazinsendung hat sich nichts geändert.

Wie sehr ist der verstärkte Einsatz von virtuellen, animierten Grafiken in direktem Zusammenhang mit dem neuen Studio zu sehen?
Wir wachsen mit unseren Möglichkeiten! Mit dem neuen Studio bekamen wir ja erst Maschinen und Manpower, uns gestalterisch neu zu definieren. Mehr als zwei Jahre Vorlauf brauchte es, alles auf die Rampe zu bringen, und seit Juli 2009 sind wir in einer erfolgreichen Umlaufbahn. Wir stehen dabei in einem kontinuierlichen Prozess, unsere neuen Werkzeuge zu überarbeiten. Lob und Kritik nehmen wir ernst. Schriften haben wir vergrößert, bewegte Realbilder und Fotos sollen im Set eine noch größere Rolle spielen. Das heute journal wird sich im Frühjahr 2011 noch zuschauerfreundlicher präsentieren. Sattere Farbe, mehr Brillanz für die Moderatoren, überzeugende Räumlichkeit. Wir bleiben nicht stehen, sondern fragen uns jeden Tag neu, was wir besser machen können. Das heute journal braucht zum Beispiel neben der nüchternen Erklärung auch die Zuspitzung mit grafischen Mitteln. Wir haben gemerkt, dass wir da noch Luft nach oben haben und arbeiten mit Designern und Grafikern an neuen, kreativen Lösungen, die zu unserer Sendung passen.

Grafiker und Mediengestalter sind zusätzlich in die Redaktion aufgenommen worden. Was hat sich als wichtig erwiesen für eine optimale Zusammenarbeit mit den Redakteuren?
Nicht Mediengestalter, sondern Grafikredakteure sind jetzt Teil der Redaktion. Sie verfügen über grafisches Verständnis und journalistisches Know How. Einer von ihnen hat seine Erklärkompetenz aus der Redaktion »logo« mitgebracht. Grafikredakteure sind Ideenlieferanten und Mittler zwischen Redaktion und Grafik. Klingt banal, aber es ist das gegenseitige Verstehen, das man in gewerke-übergreifenden Teams braucht: Die Stärken des jeweils anderen sehen und anerkennen. Es gibt auch Klippen in dieser Kommunikation. Wir Redakteure mussten verstehen, dass man 3-D-Elemente oder animierte MAZen nicht so schnell ändern oder bauen kann wie einen Text oder ein Nachrichtenstück. Grafikredakteure und Grafiker mussten lernen, dass animierte Elemente den Anforderungen aktueller Dramaturgie standhalten müssen. Aufwändige Arbeit kommt nicht auf den Sender, wenn ein neuer Aufmacher in die Sendung drängt. Gutes Planen, tolle Ideen sind dann manchmal für die Katz. Am Ende muss für das ganze Team die Frage stehen, haben wir den Nachrichtentag optimal abgebildet und aufbereitet? Hier braucht es Toleranz und manchmal auch professionellen Umgang mit Frust.

Wie hat das neue Studio den Arbeitsablauf für die Redaktion verändert?
Unsere Planungsarbeit umfasst jetzt auch animierte Elemente und 3-D-Objekte. Bei großen Events wie dem Klimagipfel von Cancun oder dem Jahrestag des Mauerfalls überlegen wir lange im Vorfeld, wie grafische Elemente in Beiträgen oder im Studio aussehen können. Animierte 3-D-Objekte haben einen Vorlauf von mehreren Tagen. Unser Denken und Diskutieren muss also auch in die berühmte dritte Dimension vorstoßen. Das setzt Veränderungsbereitschaft voraus. Das letzte Wort über die optischen Zusatzelemente hat der/die Schlussredakteur/in der Sendung. Die Verantwortung für unsere CvDs ist also noch größer geworden.

Wie hat das neue Studio den Arbeitsablauf für die Moderatoren verändert?
Unsere Moderatoren sind die Verkäufer der Sendung. Ihre Glaubwürdigkeit ist unser höchstes Gut. Sie müssen sich mit Aktionen und Inszenierungen im Studio identifizieren, um diesen Anspruch zu erfüllen. Es braucht also enge Absprachen zwischen ihnen, Planung, Grafikredaktion und Schlussredaktion. Der Arbeitsaufwand ist für sie gewachsen, zumal die Interaktion von Moderator/in und 3-D-Objekt so komplex ist, dass sie bislang vorher aufgezeichnet werden muss. Weil sie im Studio mit unsichtbaren Objekten arbeiten, die durch aufwändige Stanzverfahren erst auf dem Monitor des Zuschauers zum vollständigen Bild werden, braucht es auch spezielles Training. Das alles kostet zusätzliche Zeit. Wir achten deshalb auf die Dosierung solcher zusätzlichen Elemente.

Erschwert also die »Grüne Hölle« die Arbeit für das heute journal-Team?
Für Moderatoren und Sendecrew ist der Aufwand gestiegen. Gleichzeitig erleichtern die neuen Werkzeuge unsere Arbeit, weil unsere Inhalte noch verständlicher werden für die Zuschauer. Ist eine treffende Grafik/Animation gefunden, gewinnt jede Sendung enorm an Aussagekraft und Glanz, und das macht uns richtig stolz.

Wie haben sich die Anforderungen an die Journalisten verändert?
Redakteure und Autoren haben sich schon immer über bildliche Gestaltung von Sendungen und Beiträgen Gedanken gemacht. Das gehört zum Job von Fernsehjournalisten. Unsere Arbeit hat jetzt eine weitere, spannende Dimension. Das kostet Hirnschmalz und erfordert Teamwork. Manchmal braucht es auch erhöhte Frustrationstoleranz. Neues beginnen, heißt auch hinfallen und wieder aufstehen. Journalisten sind keine Designer. Aber auch für uns gilt die Forderung vom lebenslangen Lernen.

Sollte das auch Folgen haben für die Ausbildung zukünftiger Fernseh-Journalisten?
Unbedingt! Fernseh-Journalisten erzählen ihre Storys mit Hilfe von Bildern. Computeranimierte Elemente bereichern unseren Werkzeugkasten. Alle müssen diese Tools beherrschen lernen. Wichtig bleibt der Grundsatz, nicht l´art pour l´art zu betreiben, sondern neue optische Gestaltungsmittel zu nutzen, um Attraktivität und Verständlichkeit unserer Inhalte zu erhöhen. Optische Mätzchen nutzen sich schnell ab. Eine flache Story wird auch mit Hilfe von 3-D Elementen nicht steiler, eine gute aber kriegt dadurch vielleicht das Sahnehäubchen.

Frau Reidt, vielen Dank für das Gespräch!

Claus Kleber, Moderator des »heute journals« erklärt in diesem Video das neue Studio.