Video-Journalismus

Berufszweig auf dem Vormarsch

Seit Mitte der 1990er Jahre entwickelte sich der Video-Journalismus bei privaten wie öffentlich-rechtlichen Sendern als Alternative zur traditionellen Filmberichterstattung. Der Video-Journalist (VJ) ist Journalist, Tontechniker, Kameramann und Cutter in einer Person. Zudem sollte ein VJ mittlerweile ausreichend Kenntnisse im Internet-Livebroadcasting haben.

Vorteile des Video-Journalismus

Kostengünstige Produktion, Mobilität und eine hohes Maß an Flexibilität machen den Video-Journalismus konkurrenzfähig. Als Einmann-Unternehmen können VJs schneller und unkomplizierter auf Ereignisse reagieren als ein vielgliedriges Fernsehteam mit Übertragungswagen. Dies kann jedoch zuweilen negative Auswirkungen auf die Qualität des Filmbeitrags haben.

Equipment

Professionelle Video-Journalisten setzen bei ihrer Arbeit üblicherweise auf so genannte kompakte Drei-Chip-Camcorder, welche sich gegenüber den schwerfälligen Broadcast- oder Schulter-Camcordern bewährt haben. Die Drei-Chip-Camcorder zeichnen im 16-9-Breitbildformat auf und haben ein farbiges LC-Display um 2,5 Zoll. Ihre hochwertigen Objektive gewährleisten zudem ein hohes Auflösungsvermögen und eine anspruchsvolle Farbsättigung. Auch bei minimaler Beleuchtung sind Nachtaufnahmen möglich und ein optischer Bildstabilisator sorgt für verwertbare Ergebnisse. Für den Schnitt benötigen VJs in aller Regel einen leistungsfähigen PC und eines der gängigen Schnitt-Programme, wie beispielsweise Avid, Adobe Premiere oder Apple Final Cut.

Ausbildungsmöglichkeiten

An mehreren Fachhochschulen entstanden in den vergangenen Jahren Bachelor-Studiengänge sowie Weiterbildungsangebote rund um den Video-Journalismus. Ausbildungen gibt es zudem an Film- und Fernsehakademien, wie beispielsweise der Bayerischen Akademie für Fernsehen,  der Akademie für Publizistik der Berliner Journalisten-Schule oder dem Medienbüro Hamburg. Eine Vollzeit-Weiterbildung von sechs Monaten sowie einen berufsbegleitenden Lehrgang von neun Monaten zur digitalen Videoproduktion bietet zudem die Münchner Stiftung Journalistenakademie Dr. Hooffacker GmbH & Co. KG an.

Interview

»Authentizität ist das oberste Gebot«

Der Beruf des Video-Journalisten vereinigt alle Funktionen eines herkömmlichen Fernsehteams in einer Person. Der Video-Journalist recherchiert, dreht, schneidet und textet selbst. Wir sprachen mit Sabine Streich, die seit über zehn Jahren im Bereich des Video-Journalismus tätig ist und Journalisten aus ganz Deutschland für ARD und ZDF in diesem Bereich ausbildet.

Seit wann gibt es den Beruf Video-Journalist?
Es gibt kein konkretes Startdatum für den Beginn des Video-Journalismus, aber seit ca. 10 Jahren entwickelt sich diese Art zu arbeiten in Deutschland. Als richtiger Beruf hat sich der Video-Journalist allerdings erst in den letzten zwei Jahren etabliert, wobei es in Deutschland wenige gibt, die ausschließlich Video-Journalismus machen. Journalisten, Cutter, Kameraleute, die eine Video-Journalismus Ausbildung haben, arbeiten oft in ihren traditionellen Berufen und switchen dann und wann zum Video-Journalismus, wenn es die Story oder die Umstände verlangen.

Finden Sie den Vorwurf berechtigt, der Video-Journalismus bringt qualitative Mängel?
Im Gegenteil. Video-Journalisten sind die besseren Journalisten, wenn sie die Vorteile, die der Video-Journalismus mit sich bringt, ausnützen. Solche Vorteile sind hohe Flexibilität, freedom to fail und ein direkterer Zugang zur Person. Wenn der Video-Journalismus klassisches Fernsehen kopiert, also eine einzelne Person versucht, das zu leisten, was normalerweise drei Personen machen, kann das nicht gut gehen. Video-Journalisten sollen und müssen anders arbeiten als klassische Fernsehteams, der Video-Journalismus sollte als Ergänzung zu den derzeitigen Produktionsmöglichkeiten gesehen werden, nicht als Ersatz.

Wie sind Sie zu dem Beruf Video-Journalistin gekommen?
Ich gehöre zur ersten Generation der Computerkinder, mit Computern zu arbeiten hat mir schon immer Spaß gemacht. So hatte ich schon mit 21 mein erstes Schnittsystem auf dem Rechner. Seit sieben Jahren bin ich dabei – als Trainerin im In- und Ausland, für die Medienakademie von ARD und ZDF, manchmal als Dozentin an der Uni, als Beraterin und natürlich als Video-Journalistin. Angefangen hat es, als die ersten kleinen Kameras in der Lage waren, sendefähiges Material zu produzieren. Mein Interesse bestand maßgeblich darin, möglichst nah und unbeschwert an meine Protagonisten heranzukommen. Ursprünglich bin ich Fotografin und habe bei einer Zeitung gearbeitet, da habe ich mit 17 Jahren angefangen, ganz klassisch. Irgendwann bin ich beim ZDF in der Kameraabteilung gelandet. Parallel habe ich 30-Minuten-Dokus für den SWR gemacht.

Gibt es eine klassische Ausbildung zum Video-Journalisten?

Der Video-Journalismus ist Teil einer Entwicklung, die maßgeblich mit der Digitalisierung der Medien und der Entwicklung im Internet zu tun hat. Pionier in Deutschland auf dem Gebiet der Ausbildung war die AZ Media, die 2002 erstmals zusammen mit dem Amerikaner Michael Rosenblum ein Ausbildungscamp veranstaltete, in dem von morgens bis abends Kamera-, Schnitt- und Storytelling-Trainings absolviert wurden. Danach waren es die öffentlich-rechtlichen Sender, allen voran der Hessische Rundfunk, die solche Ausbildungsmöglichkeiten angeboten haben. Mittlerweile gibt es eine Vielzahl von Aufbaukursen und Technik-Seminaren. Was meistens in diesen Kursen und Seminaren zu kurz kommt, ist der Journalismus an sich, das Geschichten erzählen. Die Technik zu bedienen ist mittlerweile leicht zu erlernen, aber keiner will nur schöne Bilder und guten Schnitt sehen, der Zuschauer will eine gute Story haben.

Für wen ist eine Ausbildung im Bereich Video-Journalismus sinnvoll?
Für alle, die das Talent dazu mitbringen. Die meisten Video-Journalisten kommen aus einem Spezialbereich. Kameraleute oder Bildjournalisten haben natürlich einen anderen Zugang zum Video-Journalismus als ein klassischer Journalist. Vor allem muss man sich bewusst sein, dass der Beruf sehr anstrengend sein kann, man muss viel lernen, sollte multitaskingfähig sein und oft arbeitet man allein, man braucht deshalb eine gewisse Schmerzresistenz.

Was sind für Sie persönlich Vor- und Nachteile?
Ein Hauptvorteil des Video-Journalismus ist, dass alles in einer Hand liegt und es viel mehr Freiheiten gibt als im klassischen Nachrichten-Journalismus. Zudem kommt man mit den kleinen Kameras viel näher an die Menschen heran und hat mehr Zeit für einen Beitrag, weil man weniger mit organisatorischen Dingen beschäftigt ist. Ein weiterer Vorteil ist, dass es keinen Unterschied mehr zwischen Recherchezeit und Drehzeit gibt. Damit hat man mehr Zeit. Der Video-Journalist kann gleich vor Ort loslegen, ohne dass die Situation künstlich herbeigeführt wird. Authentizität ist das oberste Gebot des Video-Journalismus. Ein Nachteil im Video-Journalismus ist, dass es außer einem selbst kein Korrektiv gibt. Das kann dazu führen, dass ein Beitrag sehr subjektiv und materialverliebt wird. Zudem gibt es manchmal Ansätze, den Video-Journalist als Teamersatz einzusetzen, nur um Kosten zu sparen. Eine eher negative Entwicklung, da sich das Fernsehen auf diese Weise nicht weiterentwickeln kann und wir uns immer nur selbst zitieren.

Wie wird die weitere Entwicklung auf dem Gebiet des Video-Journalismus aussehen?
Dadurch, dass die Geräte immer einfacher und leichter werden, kann jeder, der was zu sagen hat, einen Film machen und diesen ins Internet stellen. Sogar Zeitungen fangen an, Video-Journalisten auszubilden, um bewegte Bilder auf ihre Homepage zu stellen. Der Umgang mit dem bewegten Bild ist in der Gesellschaft stärker verankert als früher.

Was sind die goldenen Regeln bzw. Todsünden im Video-Journalismus?
Keine, die es im klassischen Journalismus nicht auch gibt: Auf der technischen Ebene gelten die üblichen Gestaltungsregeln. Das Klischee, dass ein Video-Journalismus-Beitrag immer wackelig sein muss, ist Quatsch. Man kann mit einer kleinen DV-Kamera nicht genauso arbeiten wie mit einer großen, das bedeutet, dass man auf gewisse Schwenks oder Zooms verzichten sollte. Der Video-Journalismus sollte als ein Zusatz zum Bestehenden gesehen werden, nicht als Ersatz. Natürlich kann jemand nach einer zwei oder drei Wochen langen Ausbildung keinen Kameramann oder Cutter ersetzen. Es geht darum, das Bestehende zu erweitern, um es interessanter und qualitativ hochwertiger zu machen.

Was geben Sie jemandem mit dem Berufziel Video-Journalismus mit auf den Weg?
Immer nur solche Filme zu machen, die man selber anschauen würde.

Frau Streich, vielen Dank für das Interview!